LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Michel Reckinger, Präsident der „Fédération des Artisans“, denkt über neue Anwerbemöglichkeiten nach - zum Beispiel Heime für ausländische Auszubildende

Die kleinen und mittelständischen Unternehmen machen mit rund 98 Prozent das Rückgrat der Luxemburger Wirtschaft aus. Doch sie fühlen sich von der Politik allein gelassen, kämpfen mit Nachwuchssorgen und denken über neue Möglichkeiten nach, wie sie Nachwuchs anziehen könnten. Die „Fédération des Artisans“, die rund 50 Berufsverbände und 6.000 Unternehmen vertritt, hat da einige Ideen.

Herr Reckinger, derzeit fangen viele Schülerinnen und Schüler an, sich zu bewerben oder zu überlegen, was sie nach der Schule machen. Verzeichnen Sie eine Nachfrage?

Michel Reckinger Nein! Wir suchen alle händeringend nach Auszubildenden, aber auch Mitarbeitern, Ungelernten und Qualifizierten, wirklich auf allen Niveaus. Wenn man sich die gesamte Wirtschaft ansieht, dann werden rund 15.000 neue Arbeitsplätze pro Jahr im Land geschaffen, rund 10.000 bis 12.000 Mitarbeiter gehen pro Jahr in Pension, 7.000 kommen aus der Schule nach, aber das ist über alle Niveaus verteilt und nicht nur für das Handwerk. Wir brauchen also rund 20.000 Arbeitskräfte pro Jahr, welche aus dem Ausland nach Luxemburg kommen müssen. Wir stehen also enorm unter Druck und haben ein großes Problem, weil wir die Lücke nicht auffüllen können. Wir müssen im Ausland Leute suchen. Im Handwerk ist das nicht anders als bei Industrie oder Banken. Aber dort ist der Banker oder industrielle Facharbeiter eher bereit, auch nach Luxemburg zu ziehen. Denn das andere Problem ist die Wohnsituation hierzulande, die man sich leisten können muss. Ein Banker verdient nun mal mehr als ein Handwerker.

Suchen die Betriebe grenzüberschreitend?

Reckinger Ja, alle Handwerksbetriebe suchen jenseits der Grenze, über Annoncen und bei den Arbeitslosenagenturen. In Frankreich und Deutschland haben wir einen direkten Kontakt zu den Ämtern. Aber auch in Deutschland suchen Unternehmen händeringend Leute. Und in Frankreich arbeitet jeder, der irgendwie mobil ist, schon in Luxemburg. Wir bieten ebenfalls Praktika an für Schüler von ausländischen Schulen. Das machen die Unternehmen individuell.

Wird die Ausbildung gegenseitig anerkannt?

Reckinger Wer hier eine Ausbildung macht, kann sicher sein, dass sie auch in Frankreich anerkannt wird. Die Franzosen sind jedenfalls nicht froh, wenn sie auf ihre Kosten die Leute ausbilden und die dann hierher kommen. Wir müssen in Zukunft sehen, wie wir noch aktiver werden können. Auch über die Kompetenzzentren wollen wir noch mehr machen. Wir bieten heute schon der Adem an, uns jene Arbeitslose zu schicken, die eine Ausbildung machen können. Bei der Adem stoßen wir teilweise schon an Grenzen. Wenn wir sagen, wir bilden Elektriker aus und um Kandidaten bitten, können wir die Kurse trotz der 15.000 Arbeitslosen nicht so einfach füllen.

Denken Sie über die Schaffung von Wohnmöglichkeiten nach?

Reckinger Das ist kompliziert. Es gibt Hilfen für eine Art sozialen Wohnungsbau für ausländische Arbeitskräfte. Darüber reden wir derzeit mit dem Ministerium. Wir würden das für Studenten, Emigranten oder Azubis machen. Das ist ein sehr heikles Thema, weil dann gern gesagt wird: Warum erhalten die die Möglichkeit und andere nicht? Das ist immer eine komplizierte politische Situation. Das Ministerium will erstmal abwarten. In Luxemburg gibt es in vielen Städten schon Arbeitshäuser, die seinerzeit von der Arbed gebaut worden sind. Das ginge auch heute - wenn Grundstücke da wären.

Der Industrieverband FEDIL wirbt mit einem eigenen Bus: Planen Sie so etwas auch?

Reckinger Wir haben eine ganze Reihe von Dingen angestoßen, schon in den Grundschulen, wo wir das Handwerk den Kindern nahebringen wollen. Da gibt es viele Möglichkeiten. Im Secondaire arbeiten wir mit Luxskills, das ist ein tolles Programm. Die Lyzeen müssten die Chance natürlich noch viel mehr nutzen. Das ist ein Problem mit Autonomie der Lyzeen, denn es wäre gut, wenn eine Teilnahme daran verordnet würde. Im Moment reden wir mit dem Ministerium über eine „Foire de l’artisanat“, auf der Berufe vorgestellt werden und zu der alle Schüler aller Schulen gehen würden. Das muss aber dann auch ein obligatorischer Besuch sein. Darüber hinaus arbeiten wir auch mit Wiedereingliederungshilfen für junge Menschen wie „Arcus“ oder „Youth & Work“, diese Organisationen sind auch wichtig. Wenn wir da jemanden holen können, machen wir das. Wir sind ohnehin alle sehr sozial engagiert.