LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Saisonvorstellung im TNL: neun Kreationen und Auftritte in der „Chamber“

Theater, das entfesselte Gefängnis. Unter dieses Motto hat das „Théâtre National du Luxembourg“ (TNL) seine nächste Spielzeit gestellt. „Viele von uns leben in Gefängnissen. Gefängnisse, die andere für uns gebaut haben, aber auch Gefängnisse, die wir uns selbst bauen“, meinte TNL-Direktor Frank Hoffmann gestern bei der Vorstellung. „Auf der einen Seite scheint unsere Welt freier denn je zu sein, auf der anderen Seite ist sie aber auch so dramatisch und ohne Perspektiven wie nie zuvor. Wo sind diese Perspektiven? Wo gehen wir hin? Was ist unsere Aufgabe? Und was ist die Aufgabe des Theaters in diesen schwierigen Zeiten? Populismus, Verfolgung, Klimawandel. Man hat das Gefühl, dass eine Katastrophe die nächste jagt“, so Hoffmann weiter.

Aufgabe des Theaters sei wohl immer noch, Missstände deutlich zu machen, vor allem aber auch Perspektiven zu geben, Wege zu zeigen oder Mut zu machen. „Wenn man abends ins Theater geht, ist es auch wichtig, Spaß zu haben. Das Theater ist eine Struktur, in der man sich von den Fesseln befreien kann“, so der Direktor des TNL.

Das TNL als Kreationsstätte

„Wir sind ein Theater der Kreation. Zu diesem Zweck wurden wir seinerzeit gegründet“, hob Hoffmann hervor. In dieser Spielzeit stehen nicht weniger als neun Kreationen auf dem Programm. Hinzu kommt die Wiederaufnahme der Kreation „Le Dieu du Carnage“ in einer Inszenierung von Frank Hoffmann, womit die Spielzeit 2019/20 am 4. Oktober auch eingeläutet wird. Die erste neue Kreation „Nom Iesse gi mer an den Hobbykeller“ mit Marc Baum und Jean-Paul Maes feiert am 22. Oktober Premiere. Es ist bereits das zehnte Stück von Guy Rewenig, das Frank Hoffmann inszeniert. In dieser bissigen Heimatparodie mit reichlich schwarzen Akzenten treffen sich ein Generalstaatsanwalt und ein Richter zwecks Aussprache, die schließlich im Hobbykeller endet, wo die friedliche Fassade der Luxemburger Bourgeoisie zusammenbricht. Anfang Dezember steht die Musikproduktion „Love and Jealousy“ auf dem Programm. Zwei Opern-Einakter mit Musik der Komponistin Albena Petrovic werden vom Ensemble „United Instruments of Lucilin“, drei Sängern und einem achtköpfigen Chor aufgeführt.

Das neue Jahr im TNL wird mit der Produktion „La Vieille qui marchait dans la mer“ von Frédéric Dard in einer Inszenierung von Katia Scarton-Kim“ gestartet. Sie beschreibt das Stück als das persönlichste und tiefgründigste Werk des Autors. Marja-Leena Junker übernimmt die Hauptrolle. Premiere ist am 23. Januar. Die Monate Februar und März stehen im Zeichen von Franz Kafka. Nach „Blumenfelds Hund“ und „Das Schloss“ bringt Hoffmann diesmal als Regisseur „Die Verwandlung“ mit Uwe Bohm als Gregor Samsa auf die Bühne. Für die Dramaturgie zeichnet Florian Hirsch als neuer Dramaturg des TNL verantwortlich. Er war zuvor zehn Jahre am Burgtheater Wien tätig.

Michel Clees als Hausautor

Als Hausautor wurde dieses Jahr Michel Clees ausgewählt, der seit seiner Jugend eigene Texte schreibt. Zur Saison 2019/20 steuert er das Stück „Parterre“ bei, das von einer Wohngemeinschaft handelt, in der eine Studentin, ein Staatsbeamter und ein Flüchtling leben. „Parterre“ mit unter anderem Nora Koenig und Arash Marandi feiert in einer Inszenierung von Bernard M. Eusterschulte am 25. März Premiere.

„Objet d’Attention“ nach einer Textvorlage von Martin Crimp wird im April unter der Regie von Véronique Fauconnet im TNL gespielt. Thema dieses spannenden Stücks ist die menschliche Grausamkeit. Das expressionistische Drama „Masse Mensch“, das Ernst Toller (1893-1939) einst im Gefängnis Niederschönenfeld schrieb, wird von Autor Ben Neumann und Regisseur Christoph Kalkowski für ein heutiges Publikum adaptiert. Sie schlagen die Akte Rabinowitz auf und hinterfragen die eigene Verantwortung in Zeiten notwendiger gesellschaftlicher Veränderungsprozesse. Auf der Bühne stehen ab dem 14. Mai unter anderem Jana Schulz und Nickel Bösenberg sowie ein Chor der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“.

Für die Kreation „MayWeDance“ lässt Dramaturg Andreas Wagner vier Choreografen vier verschiedener Generationen aufeinander treffen, unter anderem Sylvia Camarda, Léa Tirabasso und Jean-Guillaume Weis. Hintergrund dieser Produktion ist laut Wagner die immense Entwicklung, die die Luxemburger Tanzszene in den vergangenen Jahrzehnten erlebt hat. Getanzt wird ab dem 26. Mai. Englischsprachig geht es im Juni weiter, dies mit dem Stück „The Open Haus“ von Will Eno unter der Regie von Anne Simon. „Für mich ist Eno einer der absolut genialsten zeitgenössischen amerikanischen Autoren“, sagte die Regisseurin. Das Familiendrama enthalte viel schwarzen Humor. Premiere ist am 11. Juni.

Neben diesen neun Kreationen darf sich das Publikum auch auf fünf interessante Gastspiele freuen: „Baal“ nach Bertholt Brecht in einer konzertanten Aufführung von Julia von Sell (7.+8. November); „Qui a tué mon père“ von Edouard Louis in einer Inszenierung von Stansilas Nordey (12.+13. November); „Ritter Odilo und der strenge Herr Winter“, eine Kinderoper für die ganze Familie von Mareike Zimmermann mit Musik aus Henry Purcells „King Arthur“ (24. November); „Was glaubt ihr denn? Urban Prayers“ von Björn Bicker, eine Lesung über Glauben (12.+13. Februar); „Why?“ von Peter Brook und Marie-Hélène Estienne (9.+10. Mai).

Text trifft auf Musik

Neu in dieser Spielzeit ist die Serie „Text a Musek an der Bar“. An einer Reihe von Abenden lässt das TNL Musik und Text in der Theaterbar aufeinandertreffen, wodurch ungewöhnliche und unmittelbare Begegnungen zwischen Schauspielern, Sängern und Zuschauern möglich werden. Den Anfang macht am 5. Oktober „Zwischen Feuer & Eis - Ein Weimar Berlin Kabarett“. Auch Hausautor Michel Clees leistet seinen Beitrag in dieser neuen Reihe, nämlich mit „Captcha“, das am 31. Januar mit Patrycia Ziolkowska (Rezitation) und Danielle Hennicot (Viola) uraufgeführt wird.

Auch die Kategorie „Moments and More“ wartet mit einigen Highlights auf, so etwa mit dem Stück „Theater an der Chamber“, das am 28. September unter der Regie von Hoffmann in der Abgeordnetenkammer uraufgeführt wird. „100 Jahre Wahlrecht in Luxemburg“ sind das Thema dieses Stücks, das sich mit den Diskussionen der Abgeordneten aus der Zeit von 1892 bis 1919 befasst. „Theater an der Chamber“ machen Fabio Godinho, Nora Koenig, Marco Lorenzini, Christiane Rausch, Roger Seimetz und Annette Schlechter.

Weitere Informationen unter www.tnl.lu