LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

„Rote Nelken für Herkul Grün“ in einer Inszenierung von Serge Tonnar

Die offene Rechnung ist beglichen, in gewisser Weise zumindest. Ob auch die Erwartungen erfüllt wurden, lässt sich am Ende kaum sagen, wusste man doch als Zuschauer im Vorfeld nicht genau, mit welchen Erwartungen man überhaupt in dieses Stück gehen sollte. Was man wusste: Die Originalfassung von „Rote Nelken für Herkul Grün“ wurde 1974 von Roger Manderscheid als Auftragsarbeit für das Kasemattentheater geschrieben, kam aber dann doch nicht zur Aufführung. Einigen Mitgliedern des Ensembles erschienen die zahlreichen „gesellschaftlichen und sexuellen Seitenhiebe auf die bürgerliche Moral“ nämlich als zu gewagt für das konservative Luxemburg der 1970er Jahre. „Das konnten wir natürlich nicht so stehen lassen“, hatte Dramaturg Marc Limpach bei der Saisonvorstellung des Kasemattentheater gesagt.

Verschmähtes Original von Roger Manderscheid

Die Kopie der Urfassung fand sich im Literaturarchiv. Natürlich hat sie im Laufe der Jahrzehnte einiges an Staub angesetzt, nicht im wahrsten Sinne des Wortes, dafür aber im übertragenen. Was damals als Provokation galt und als Bruch mit Konventionen wahrgenommen wurde, kann heute selbstverständlich niemanden mehr erschüttern. Scheidung oder Abtreibung etwa. Und so hat es das verschmähte Original von 1974 also auch 2020 nicht auf die Bühne geschafft, dafür aber die „Version 2.0.2.0“ als Hommage an den vor zehn Jahren verstorbenen Roger Manderscheid.

Allround-Künstler Serge Tonnar hat sich der Mammutaufgabe angenommen, die Urfassung entstaubt und an die heutige Zeit angepasst. Von den rund 50 Originalseiten sollen zusammengezählt kaum mehr als 15 in die neue Version eingeflossen sein, der Rest ist Tonnar, beziehungsweise Gruppenarbeit, denn letztlich war das ganze Team eingebunden. Womit kann man heute überhaupt noch provozieren? Mit Wörtern wie „ficken“, „blöde Möse“, „Hängebrüste“ oder „Pendelsack“ ganz bestimmt nicht, auch wenn sie dem ein oder anderen Zuschauer ein Kichern entlocken. Der Spagat, doch noch irgendwie den Grundton des Originals zu treffen, die Substanz aber gleichzeitig auf die heutige Zeit zu übertragen und demnach relevante Grundthemen aufzugreifen, gelingt dennoch.

Die Textebene steht ganz klar im Vordergrund, die Handlung an sich ist weniger intensiv, auch wenn sie zeitweilig durch das Einspielen von elektronischer Musik (komponiert von Tonnar) an Tempo gewinnt. Die Inszenierung punktet durch die Videoarbeit von Melting Pot und natürlich die fünf hervorragenden Schauspieler.

Szenen einer Ehe im 21. Jahrhundert

Im Mittelpunkt stehen zwei Ehepaare: Eric (Nickel Bösenberg) und Barbara (Marie Jung), Werner (Pitt Simon) und Claire (Nora Koenig). Sie stecken im Alltagstrott fest, die Leidenschaft ist längst erloschen. Die Frau hat einen „Pferdearsch“ bekommen, der Mann einen „legendären Mundgeruch“. Der letzte Sex scheint Ewigkeiten zurückzuliegen. Szenen einer ganz normalen Ehe? Als Herkul Grün funkt immer wieder Konstantin Rommelfangen dazwischen und hinterfragt das angeblich glückliche Leben, das die Ehepartner zu führen vorgeben. Er stellt die elementaren Fragen: Gibt es überhaupt glückliche Menschen oder ist alles Heuchelei? Als die Paare in Streit geraten, sitzt er wie ein Schiedsrichter dazwischen. „Liebe geht unter den Zwängen des Alltags zugrunde“, heißt es. Was bleibt ist die emotionale Vereinsamung, die Sehnsucht nach Liebe und schließlich die Flucht in eine Affäre.

Auch die gegenwärtige Pandemie-Situation findet Einzug in Tonnars Fassung und zwar nicht nur durch den wiederholten Einsatz der Schutzmasken. Gesellschaftliche Isolation und somit emotionale Quarantäne sind immerhin Themen, die aktueller nicht sein könnten.

Was Roger Manderscheid wohl von dieser Version gehalten hätte? Wir werden es nie erfahren.

Weitere Vorstellungen von „Rote Nelken für Herkul Grün“ im Kasemattentheater am  13., 14., 16., 17., 20., 21., 23. und 24. Oktober. Reservierung: www.kasemattentheater.lu