LUXEMBURG
PIERRE WELTER

Prozess „Foyer Gellé“: Verteidigung beantragt Freispruch für die Erzieherinnen

Seit Oktober 2015 läuft in Luxemburg ein Prozess, in dem drei luxemburgischen Erzieherinnen vorgeworfen wird, in den Jahren 2008/2009 unruhige Kinder in der Kindertagesstätte „Foyer Gellé“ mit Klebeband an Stühlen festgebunden zu haben. Immer wieder wurde der Prozess durch neue Beweisanträge der Verteidigung unterbrochen und gestern nun fortgesetzt.

„Schwarze Schafe“

Die Staatsanwaltschaft wirft den drei Frauen Misshandlung von Schutzbefohlenen, Freiheitsberaubung und Nötigung vor. Für die Staatsanwaltschaft ist es ein Phänomen von „drei schwarzen Schafen“, die bestraft werden müssten und auch die offizielle Lesart dessen, was sich im „Foyer Gellé“ zugetragen haben soll. Doch für Verteidiger Gaston Vogel gibt es offensichtlich ein größeres Problem. Gestern wurde im Prozess einiges über die Probleme der Betreuung der Kinder im „Gellé“ bekannt: Missstände, Unterbesetzung und Personalmangel wurden thematisiert. Die drei Ex-Erzieherinnen gaben zu Protokoll, dass sie nur ein Mal ein Kind an den Stuhl gebunden hätten. Andy sei ein Kind gewesen, das sehr schwierig war und deshalb so behandelt wurde. Sie hätten nicht mehr gewusst, wie sie das schwierige Kind hätten bändigen sollen. Darum hätten sie aus Überforderung zu dieser Maßnahme gegriffen. „Ich habe es gemacht, weil es zu gefährlich wurde“, sagte Michèle P.. Man hätte ihr mitgeteilt, dass diese Methode schon vorher funktioniert habe.

Für den Nebenkläger François Prüm ist der Kontext in dieser Affäre ein extrem schwieriger. „Objektiv können wir diese Erziehungsmethode nicht akzeptieren.“ Die Erzieherinnen hätten klar die Grenzen überschritten, allerdings in einem System, das beileibe nicht in Ordnung war. Das Gericht sollte aber in diesem Fall nicht exemplarisch streng sein, auch wenn die Erzieherinnen zu bestrafen seien.

Schuld für diese Missstände bei der Gemeinde

Für Vogel gibt es viele Einrichtungen, in denen Kinder vorbildlich umsorgt und gefördert werden. Doch es seien auch andere zu finden, wo Überforderung den Alltag prägt. Für Vogel liegt die Schuld für diese Missstände bei der Gemeinde. „Jeder weiß es, keiner spricht darüber. Es ist ein offenes Geheimnis“, sagte Gaston Vogel. So müssten die Politiker hier auf der Anklagebank sitzen, meinte Vogel. Für Vogel ein Skandal. Der Verteidiger warf der Verantwortlichen Viviane Loschetter vor, viel Energie darauf verwendet zu haben, den Skandal kleinzureden. Das Problem werde einfach nur ausgeblendet, aber nichts unternommen. Auch sei die Affäre aufgebauscht worden. Was die drei anderen Kinder betreffen würde und ob die angeblich angebunden worden seien, da gäbe es Zweifel. Wenn Kinder aber nicht gebändigt werden könnten, müsse es zu solchen Handlungen kommen, sagte Vogel. Der Rechtsanwalt sprach dabei von einem Horrorszenario. Seine Mandantin sei eine gute Erzieherin. Vogel verlangte kurz und bündig einen Freispruch für L. oder eine Geldstrafe.

In seinem Plädoyer sagte Maître Lentz, dass seine Mandantin Michèle P. nur ein Kind an den Stuhl gebunden habe. Allerdings stellte auch er die Frage, wie eine so große Anzahl von Kindern zu überwachen sei, wenn extrem schwierige Kinder in der Gruppe rebellierten. Lentz beantragte ebenfalls Freispruch oder eine Geldstrafe für seine Mandantin. Maître Pierre Goerens seinerseits unterstrich, dass ein Kind, das seine Mandantin Claire W. angebunden hatte, sich selbst losgebunden habe und sogar dabei gelächelt habe. Das Kind sei weder geschlagen noch verletzt worden. Er beantragt auch einen Freispruch oder eine Geldstrafe für seine Mandantin.


Der Prozess wird heute mit dem Plädoyer der Anklagevertreterin fortgesetzt