BETTEMBURG
SIMONE MOLITOR

Jean-Paul Maes hat aus Kafkas „Die Verwandlung“ ein großartiges Schauspiel gemacht

Weiße Laken auf der Bühne. Dazu ein paar Hocker. Ein Schrank und im hinteren Bereich ein Esstisch mit drei Stühlen. Manchmal braucht es nicht viel, um ein Theaterstück dennoch effektvoll in Szene zu setzen. Fünf Personen betreten den Ort des Geschehens im Bettemburger Schloss. Während vier Protagonisten nebeneinander auf Hockern Platz nehmen und stumm in ihren Kaffeetassen zu rühren beginnen, zieht sich der fünfte in den Bühnenbereich zurück, den er in den darauffolgenden zwei Stunden hauptsächlich kriechend bespielen wird. Es ist Gregor Samsa (Maximillien Jadin), der „eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte“ und „sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“ fand. „Die Verwandlung“ hat bereits stattgefunden, als Franz Kafkas weltberühmte Erzählung beginnt, die Jean-Paul Maes nun für die Bühne bearbeitet hat und mit dem Kaleidoskop-Ensemble inszeniert.

Ordnung im kleinbürgerlichen Haushalt außer Gefecht

Durch die Verwandlung gerät das augenscheinlich wohlgeordnete Gleichgewicht innerhalb der Familie durcheinander, ja sogar komplett aus den Fugen, immerhin war Gregor bis dahin der Ernährer und Alleinverdiener: Er arbeitete die Schulden des zunächst scheinbar schwächelnden, später patriarchalischen Vaters (Gerhard Fehn) ab und schuftete als Handlungsreisender, damit auch noch die verwöhnte jüngere Schwester (Rosalie Maes) und die schwache Mutter (Heidemarie Gohde) ein bequemes Leben führen konnten. Ständig stand er unter Leistungsdruck, versuchte, obwohl von Selbstzweifeln geplagt, zu funktionieren und es jedem recht zu machen. Minderwertig fühlte er sich, lange bevor er sich in einen Käfer verwandelte, dann aber erst recht. Die inneren Monologe, die er in seinem Insektendasein führt, verdeutlichen dies, genau wie das gestörte Vater-Sohn-Verhältnis schnell ersichtlich wird. Auch wenn Gregor plötzlich frei von Pflichten ist, besiegelt die Verwandlung seine gesellschaftliche Ausgrenzung.

„Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen“, geht es weiter im Text und auf der Bühne.

Episches Theater mit Original-Kafka-Text

Nein, Jean-Paul Maes lässt seinen Hauptprotagonisten natürlich nicht wirklich in der Gestalt eines Käfers auftreten, sondern nach wie vor als Mensch, immerhin bleibt Gregor ein fühlendes Individuum mit menschlichen Werten, in dessen Gedankenwelt das Publikum eintaucht. Während Gregor mühsam über die Bühne kriecht, kriecht man als Zuschauer - genau wie natürlich als Leser der Novelle - regelrecht in sein Inneres. Damit dies eben auch im Theater gelingt, hält sich der Regisseur in seiner Bühnenfassung strikt an den Originaltext, lässt die Monologe und Dialoge von seinen Darstellern sprechen, die Kafka selbst in seiner Novelle liefert, und Erzähler im Wechselspiel oder im Chor alles weitere - wenngleich in gekürzter Form - erzählen. Dem Publikum wird demnach ein sehr episches Theater geboten, dem es aber keineswegs an Action und Tempo fehlt.

Kein leichtes Spiel

Zu ständigen Spannungssteigerungen kommt es nicht zuletzt dank der musikalischen Begleitung durch Al Ginter am Schlagzeug und Synthesizer. Gezielt ein Trommelwirbel hier und ein elektronischer Klang da, und noch dazu mittels Einsatz der passenden Beleuchtung, die die Bühne mal in kräftiges Rot taucht, dann wieder hell erleuchtet, gelingt mit relativ einfachen Mitteln ein großartiges Schauspiel, das von punktgenau agierenden Darstellern getragen wird. Der Part des Gregor dürfte Maximillien Jadin zweifelsohne einiges abverlangt haben, schlüpft er doch in eine körperlich äußerst anspruchsvolle Rolle, die ihm den aufrechten Gang nicht erlaubt. Doch auch die übrigen vier Hauptprotagonisten - Tim Olrik Stöneberger als Prokurist und Erzähler wollen wir nicht unerwähnt lassen - spielen pointiert und verpassen keinen Einsatz. Da manche Erzählpassagen im rasenden Tempo mitten im Satz von einem anderen übernommen oder aber im Chor gesprochen werden, und die Sprache Kafkas noch dazu als „gehoben“ gilt, kann keineswegs von einer leichten Aufgabe für die Kaleidoskop-Truppe ausgegangen werden.

Bemerkenswert ist zudem die Idee des Regisseurs, die Dame aus dem Bild, das in vergoldetem Rahmen in Gregors Zimmer hängt und in dem er auch als Käfer noch Zuflucht sucht, leibhaftig (Anne Mehlinger), meist lasziv tänzelnd auftreten zu lassen. Alles in allem ist Jean-Paul Maes mit seiner Bühnenfassung dieses berühmten Klassikers der Weltliteratur ein Coup gelungen, den man so vielleicht überhaupt nicht erwartet hätte.


Weitere Vorstellungen am 1. Februar im Ettelbrücker CAPE
und danach wieder im Bettemburger Schloss (19.02, 20.02,
21.02, 5.03, 6.03, 7.03 jeweils um 20.00).
Infos und Tickets unter www.kaleidoskop.lu