PATRICK WELTER

Meine Großmutter war Jahrgang 1901, aufgewachsen mit Kaisers Geburtstag und schulfrei am Sedanstag (2. September). Sie überlieferte Geschichten von der Ururgroßmutter, wie Blücher bei der Verfolgung Napoleons in der Silvesternacht 1813 bei Kaub über den Rhein gegangen ist. Sie erlebte den freudigen Zug der deutschen Jugend im Sommer 1914 auf die Schlachtfelder des ersten Weltkriegs, deren sinnlosen Tod bei Langemark und Verdun, den „Verlust“ Elsass-Lothringens, die französische Besetzung des Rheinlandes, den Ruhrkampf aus relativer Nähe, den bejubelten Abzug der Franzosen, die Besetzung des Rheinlandes durch die Reichswehr, 1940 einen neuerlichen Krieg mit Frankreich, sah französische Kriegsgefangene und wenige Jahre später wieder eine französische Besatzung - die aber dieses Mal klüger mit den Besetzten umging als in der Zwischenkriegszeit.

Sie erlebte die französische Zone und die Bildung des französischen Konstrukts Rheinland-Pfalz (ein Kunststaat aus Teilen der Rheinprovinz, Hessens und der bayerischen Pfalz). Einige Jahre drauf auch das Zusammentreffen des Rheinländer Adenauer mit dem französischen General, der Frankreich in einer one-man-show dazu gebracht hatte, gegen die Deutschen zu kämpfen. Ich bezweifle stark, dass sie die Unterzeichnung des Elysée-Vertrags als historisches Ereignis registriert hat. Aufgefallen sind ihr sicher die vielen französischen Jugendlichen, die in den 1970ern jeden Sommer aus der neuen französischen Partnerstadt in unsere Stadt kamen und mit den einheimischen Teenies oft mehr als Völkerverständigung übten. Spät in den 1980er Jahren fragte sie einmal verwundert „War Frankreich nicht der Erbfeind?“

Angesichts einer solchen Biografie begreift man erst das Wunder der Deutsch-Französischen Aussöhnung.

Nicht zu vergessen, dass die „zu spät gekommene Nation“ Deutschland auf zwei anti-französischen Gründungsmythen ruht, die Befreiungskriege gegen Napoleon I. und der Krieg von 1870 gegen Napoleon III.. Selbst die deutschen Nationalfarben schwarz-rot-gold stammen aus den Befreiungskriegen: Es waren die Uniformfarben des Lützowsches Freikorps (faktisch eine Guerilla-Truppe).

Die beiden alten Knaben Adenauer und De Gaulle haben das blutige Hin und Her miterlebt und wollten den Teufelskreis ein für alle Mal durchbrechen - was ihnen auch gelungen ist.

Die deutsch-französische Freundschaft, die heute ihre goldene Hochzeit feiert, ist für die meisten von uns so eine Art alte Ehe geworden. Manchmal wirft man sich Geschirr an den Kopf, an andern Tagen ist man ein Herz und eine Seele. Man weiß aber, dass man sich aufeinander verlassen kann (von Ausreißern wie Westerwelles Libyen-Politik mal abgesehen). Die Achse Berlin - Paris hält sogar Egomanen wie Sarkozy und kalte Verstandeseuropäer wie Frau Merkel aus, und auch den Sozialromantiker François Hollande. Natürlich war es mit den Kanzlern und Präsidenten, die den Krieg noch erlebt haben leichter, sie wussten und wissen ganz genau, welches kostbares Gut die beiden alten Herren ihnen und uns hinterlassen haben.