LUXEMBURGPATRICK VERSALL

Organist Maurice Clement sprichtüber seine neue CD „Héritage“

Sind wir tagtäglich einer ‚musikalischen Umweltverschmutzung‘ ausgesetzt? Der Organist und Musiklehrer Maurice Clement vertritt die Meinung, dass es ein Ding der Unmöglichkeit sei, auch nur einen Fuß vor die heimische Haustür zu setzen, ohne einer Ganzkörperberieselung durch Klänge ausgeliefert zu sein. „Wir sind gewissermaßen zu taub, unsensibel, um Musik bewusst zu hören.“ Die Gepflogenheit, aufmerksam ein musikalisches Werk zu hören, ist nahezu komplett verloren gegangen.

„Wir nehmen die Musik fast nur noch passiv wahr; sie ist zu einer Freizeitangelegenheit mutiert, bei der man sich nicht unbedingt anstrengen möchte“, resümiert der Musiker ein Phänomen, das sich flächendeckend ausbreitet. Eine Nebenwirkung unserer schnelllebigen Gesellschaft, die jeden Tag aufs Neue den medialen Overkill zelebriert? „Ich möchte keineswegs anklagen, doch es ist nun einmal Fakt, dass wir im Zeitalter des Relaxen und Easy Listening leben“, meint Maurice Clement. Wobei Luxemburg noch im Vergleich zu andern Städten vom so genannten „Philharmonie-Effekt“ profitiere, so der Organist.

Einfluss französischer Komponisten

Das Konzerthaus erfüllt ihre musikpädagogische Aufgabe, erzieht das Volk zu Konzertbesuchern. Die soziale Komponente der Musik hat in den vergangenen Jahrzehnten, wenn nicht sogar Jahrhunderten einen Veränderungsprozess durchlaufen. „Zu Zeiten eines Johann Sebastian Bach war der Beruf des Musikers ein fester Teil der Gesellschaft; er gehörte zum Alltag wie etwa jener des Schreiners oder Schuhmachers.“

Für seine neue CD „Héritage“, die Maurice Clement mit der Unterstützung der „Amis de l’Orgue Bourglinster-Imbringen“ in der Pfarrkirche seines Heimatortes Bourglinster eingespielt hat, interessierte er sich für eben jenen Bach und die Einflüsse, die seine beiden Mentoren Georg Böhm und Dieterich Buxtehude auf ihn ausgeübt haben. „Bereits als Teenager ist Bach nach Lüneburg gereist, wo er angeblich auf Georg Böhm traf“. Stichhaltige Beweise für dieses Aufeinandertreffen zu Beginn des 18. Jahrhunderts halten auch die heutigen Musikwissenschaftler nicht parat. Bach habe sich, so Clement, jedoch für seine Kompositionen aus jener Zeit stark von Böhm beeinflussen lassen.

Der Lüneburger Böhm stand seinerseits in Kontakt mit der französischen Musik, deren Einflüsse seine Kompositionen durchziehen. „Versailles strahlte über ganz Europa, jeder Kleinfürst wollte sein eigenes kleines Versailles errichten“.

Synthese aller Strömungen

Durch Böhm lernte Bach dann unweigerlich die Werke französischer Komponisten kennen. „Am Ende seines Lebens war Bach eine Synthese aller musikalischen Strömungen und hat es fertig gebracht-trotz zahlreicher Einflüsse-seine Autonomie zu wahren, eigenständige Kompositionen zu schreiben“, fasst Maurice Clement seine Schwärmerei in Worte.

Buxtehude ist für den Luxemburger der Organist des 17. Jahrhunderts schlechthin. Er habe die gesamte Orgelmusik aufgerüttelt, weil er auf andere Instrumente zurückgreifen konnte als beispielsweise seine Kollegen im südlichen Teil Europas. „Der Orgelbau in Norddeutschland war weiter fortgeschritten als anderswo.“ Bach hat die Einflüsse seiner beiden Mentoren eingesogen, sie mit seinen eignen Musikgenen gekreuzt und somit neue Wege beschritten. „Bach war immer offen für Inspirationen, ein verbissener Handwerker, der keineswegs auf eine göttliche Eingebung wartete.“

Lust, zu improvisieren

Die neue CD hat Maurice Clement auf einer Westenfelder-Orgel eingespielt, an dessen Konzeption er maßgeblich beteiligt war. In der Planungsphase war man sich bereits einig, dass ein Instrument entstehen sollte, auf dem nicht alle Musikstile gespielt werden könnten. „Wir haben Farbe bekannt und uns auf einen Stil beschränkt.“ So klingt beispielsweise jene Literatur, die eben für Orgeln des Typs
„Norddeutscher Barock“ komponiert wurden, besser in Bourglinster als anderswo.

Dass er die neue Platte an dem Ort aufgenommen hat, an dem er als Orgel-Novize anfing, verpasst dem Projekt eine lokale Note. Clement studierte das Orgelspiel , weil er sich von klein auf für die Improvisation begeisterte. Das Orgel-Repertoire sei sehr offen für Improvisationen. „Ich bin ins Orgelspiel sozusagen hineingeschlittert, weil eines Tages meine Tante auf der Türschwelle stand und mich zur Chorprobe mitgenommen hat, da ich einer der wenigen im Dorfe war, der Klavier spielte. Ich war lange Zeit im Kopf eher Pianist als Organist und habe dann sozusagen die Orgel-Branche als ‚Tourist‘ entdeckt“, so Maurice Clement, herzhaft lachend.
www.mauriceclement.org