MADRID
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Klimagipfel in Madrid nimmt Fahrt auf

Noch bis zum 13. Dezember verhandeln seit diesem Montag auf der 25. UN-Klimakonferenz (COP25) knapp 196 Staaten und die EU in der spanischen Hauptstadt darüber, wie das Pariser Klimaabkommen verwirklicht und die Erderhitzung eingedämmt werden kann.

2015 hatten sie sich im Pariser Klimaabkommen vorgenommen, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Geht es weiter wie bisher, könnten es bis Ende des Jahrhunderts stattdessen im Mittel knapp 4 Grad mehr sein.

Bis 2020 sollen nun alle Staaten ehrgeizigere Pläne zur Reduzierung ihres Treibhausgas-Ausstoßes vorlegen, dafür sollen in Madrid die notwendige Unterstützung und auch Druck aufgebaut werden. Ein weiteres Thema soll die Finanzierung von Schäden durch Extremwetter in ärmeren Ländern sein, die mit dem Klimawandel zunehmen.

Luxemburg ist in Madrid durch Großherzog Henri und Umweltministerin Carole Dieschbourg verteten.

Thunberg in Europa angekommen

Gestern erreichte die 16 Jahre alte Schwedin Greta Thunberg indes Lissabon. Sie war auf einem Katamaran aus den USA zurück nach Europa gesegelt, nachdem die Klimakonferenz kurzfristig von Chile nach Madrid verlegt worden war. Wenn sie sich bereit fühle, werde sie zu einem großen Klimaprotest am Freitag in Madrid weiterreisen, sagte die Gründerin der Bewegung „Fridays for Future“. Ihr Protestschild mit der Aufschrift „Schulstreik fürs Klima“ hatte sie unter dem Arm, als sie nach rund drei Wochen wieder an Land ging. „Auf der COP25 werden wir den Kampf fortsetzen“, sagte sie.

Foto: Cour grand-ducale/Sophie Margue - Lëtzebuerger Journal
Foto: Cour grand-ducale/Sophie Margue

Kurswechsel dringend notwendig

Bericht der Europäischen Umweltagentur: Deutlicher Aufruf zu mehr Klima- und Umweltschutz

Europa steht beim Kampf für Klimaschutz und Artenvielfalt im Jahr 2020 vor Herausforderungen beispiellosen Ausmaßes und noch nie dagewesener Dringlichkeit. Zu diesem Schluss kommt die Europäische Umweltagentur (EEA) in ihrem am heutigen Mittwoch in Brüssel veröffentlichten Fünfjahresbericht zur Lage und zu den Aussichten der Umwelt in Europa. Ein Kurswechsel sei dringend notwendig, um den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen und letztlich den Wohlstand der Zukunft zu sichern. Es handle sich um die „entscheidende Herausforderung dieses Jahrhunderts“.
Gerade auf dem Weg zu den EU-Zielen 2030 ist die EEA kritisch. Die gesteckten Zielvorgaben würden nicht erreicht, wenn in den kommenden zehn Jahren nicht mit aller Kraft gegen das alarmierende Maß des Artenverlustes, die zunehmenden Folgen des Klimawandels sowie den übermäßigen Verbrauch natürlicher Ressourcen vorgegangen werde, hieß es von der in Kopenhagen ansässigen Behörde.
Europa mache nicht ausreichend Fortschritte, auch wenn in den vergangenen beiden Jahrzehnten Entscheidendes etwa zur Verringerung der CO2-Emissionen getan worden sei, erklärte die EEA. Auch Luft- und Wasserqualität seien besser geworden. Diese und andere Errungenschaften seien bedeutsam, reichten aber bei weitem nicht aus.
Im Kampf für Umwelt und Klima hake es vor allem bei der Umsetzung bestehender politischer Maßnahmen, sagte EEA-Exekutivdirektor Hans Bruyninckx der Deutschen Presse-Agentur. „Wir sollten besser darin werden, die von uns festgelegten politischen Ziele einzuhalten.“
Wichtig sei unter anderem, sich von Unnötigem zu verabschieden und Alternativen zu schaffen. „Wir müssen besser darin werden, Dinge loszuwerden, die keine Zukunft haben“, sagte der gebürtige Belgier und verwies mit Blick auf Deutschland auf die Kohle und Verbrennungsmotoren. Wenn man darüber hinaus etwa Kurzstreckenflüge loswerden wolle, müsse man den Bürgern effiziente Alternativen ermöglichen - etwa auf der Schiene. Die meisten Lösungen lägen bereits auf dem Tisch.
Es gehe vor allem um vier große Systeme, in denen sich etwas tun müsse, führte Bruyninckx aus: Das immer noch zu viel Kohlendioxid ausstoßende Energiesystem, den Transportsektor, das an vielen Stellen kränkelnde Lebensmittelsystem sowie die Art und Weise, wie Städte mit Faktoren wie Wohnungsbau, Mobilität und sozialen Dynamiken umgingen.  DPA/LJ

Ambitiös

Luxemburg: Klimaschutzgesetz auf dem Instanzenweg

Gemessen am Referenzjahr 2005 sollen die CO2-Emissionen in Luxemburg bis zum Jahre 2030 anstatt der zuvor vorgesehenen 40 Prozent um 55 Prozent reduziert werden, und bis spätestens 2050 soll das Land die Klimaneutralität erreicht haben, wie Umweltministerin Carole Dieschbourg und Energieminister Claude Turmes (beide „déi gréng“) am vergangenen Freitag bei der Vorstellung des Klimaschutzgesetzes hervorhoben, das am gleichen Tag vom Regierungsrat gutgeheißen wurde.
Ein interministerielles Koordinationskomitee soll sich um die Einhaltung der Ziele kümmern, die je nach Sektor (Energieindustrie, Transport, Bau, Landwirtschaft, Abfallbereich) über großherzogliche Verordnungen festlegt werden, und einmal im Jahr Bilanz ziehen und notwendige Anpassungen vornehmen. Auch wird eine Plattform ins Leben gerufen, bei der die Umweltorganisationen, die Sozialpartner und weitere Akteure aus der Zivilgesellschaft zu Wort kommen sollen, und wird ein aus Wissenschaftlern zusammengesetztes Klimaobservatorium geschaffen. Vorgesehen ist des Weiteren eine Reform des Klima- und Energiefonds.
Heißer und heißer

WMO: Jahrzehnt 2010-2019 wärmstes seit Beginn der Aufzeichnungen

Heißer war wohl kein Jahrzehnt seit 1850: Die Durchschnittstemperatur der Jahre 2010 bis 2019 lag der Weltwetterorganisation (WMO) zufolge mit größter Wahrscheinlichkeit höher als je zuvor in einem Jahrzehnt seit Beginn der Messungen. 2019 dürfte das zweit- oder drittwärmste Jahr werden, berichtete die Organisation gestern bei der UN-Weltklimakonferenz in Madrid in ihrem vorläufigen Klima-Statusreport. Die Durchschnittstemperatur lag 2019 demnach etwa 1,1 Grad über dem Niveau der vorindustriellen Zeit (1850-1900). Die Einschränkung „mit größter Wahrscheinlichkeit“ ist nötig, weil das Jahr noch nicht zu Ende ist. Seit den 1980er Jahren sei jedes Jahrzehnt wärmer gewesen als das jeweilige davor, hieß es von der WMO.
Wie die Organisation bereits am 25. November berichtete, nahm die Konzentration klimaschädlicher Treibhausgase in der Atmosphäre weiter bedrohlich zu. Die CO2-Konzentration stieg binnen eines Jahres von 405,5 ppm (Teilchen pro Million Teilchen) auf einen Rekordwert von 407,8 ppm. Die Durchschnittstemperatur der Ozeane sei ebenfalls auf Rekordwert, und die Ozeane seien 26 Prozent saurer als zu Beginn der Industrialisierung. „Wenn wir nicht dringend etwas unternehmen, steuern wir auf einen Temperaturanstieg von mehr als drei Grad bis Ende des Jahrhunderts zu, mit immer schädlicheren Folgen für die Menschen“, sagte WMO-Generalsekretär Petteri Taalas. 
Neue Projektion

Weltweiter CO2-Ausstoß steigt weiter - aber langsamer

Der weltweite Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) hat einer Studie zufolge auch 2019 wieder zugenommen. Im Vergleich zu den Vorjahren habe sich der Anstieg aber verlangsamt, ergaben Berechnungen des Forschungsverbunds „Global Carbon Project“. Die Wissenschaftler rechnen für dieses Jahr mit einem Anstieg der Emissionen von 0,6 Prozent, wenn auch innerhalb einer Unsicherheitsspanne. Das wäre deutlich weniger als im Vorjahr: 2018 gab es ein Plus von 2,1 Prozent. Klimaforscher sagen, dass es schnell eine Trendwende beim CO2-Ausstoß geben müsse, wenn die Erderwärmung noch einigermaßen kontrollierbar bleiben soll. DPA
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Viele Konferenzen, kaum Erfolge

Wo die Welt beim Klimaschutz steht

In Madrid hat am Montag die 25. Weltklimakonferenz begonnen, aber das Jubiläum mag dort niemand feiern. Wetterextreme haben in diesem Jahr drastisch vor Augen geführt, was der Menschheit blüht, wenn die Erderhitzung nicht eingedämmt wird: Mehr gigantische Wirbelstürme wie über Ostafrika, verheerende Waldbrände wie in den USA und Australien und weiter dramatisch schwindende Eismassen an den Polen und in den Gletschergebieten. Wo steht die Welt in Sachen Klimaschutz? Fragen und Antworten dazu.

Ist die Lage wirklich so düster?
Ja, denn trotz aller Anstrengungen beschleunigt sich die Erderhitzung zurzeit sogar noch. Schon jetzt hat sich die Erde nach Befunden des Weltklimarats um ein Grad aufgeheizt im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Und die vergangenen vier Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Zu den Folgen zählen mehr extreme Wetterereignisse, also je nach Region mehr Hitzewellen, Dürren und Waldbrände, aber auch Stürme, Überschwemmungen und Starkregen. Und das ist erst der Anfang: Geht es weiter wie bisher, läge der Temperaturanstieg Ende des Jahrhunderts bei 3,4 bis 3,9 Grad, wie das UN-Umweltprogramm Unep dieser Tage vorgerechnet hat. Angestrebt werden aber maximal 1,5 Grad, um die gefährlichsten Kipppunkte im Ökosystem zu umschiffen.
Der Weltklimarat IPCC, unter dessen Dach Hunderte Forscher kooperieren, geht davon aus, dass bei einem ungebremsten Klimawandel die Meeresspiegel schon bis Ende des Jahrhunderts um mehr als einen Meter steigen könnten. In einem dramatischen Appell haben daher Anfang November 11.000 Wissenschaftler aus mehr als 150 Staaten gewarnt, „unsägliches menschliches Leid“ sei nicht abzuwenden, wenn die Menschheit nicht schnell gegensteuere und deutlich weniger klimaschädliches Treibhausgas in die Luft blase.
Auch UN-Generalsekretär Antonio Guterres wählte während der Eröffnungszeremonie in Madrid dramatische Worte. „Wenn wir nicht schnell unseren Lebensstil ändern, gefährden wir das Leben an sich“, warnte er zur Eröffnung der zweiwöchigen Konferenz, an der Delegationen aus knapp 200 Ländern teilnehmen.
Schon kurzfristig drohen nämlich vielerorts Wasserknappheit und Ernteausfälle, mit Konsequenzen wie Hungersnöten und massiven Fluchtbewegungen. Im Juni warnte auch Philip Alston, der UN-Sonderberichterstatter zu extremer Armut und Menschenrechten, vor dem Szenario einer „Klima-Apartheid“, in dem die Reichen zahlen, um vor Hitze, Hunger und Konflikten zu flüchten und der Rest der Welt zurückgelassen wird - und leidet. Die jüngsten Aufrufe erinnern an die Warnung der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg, die vor Jahresfrist sagte, Erwachsene sollten nun in Panik geraten angesichts der existenzbedrohenden Klimakrise.

Was tut die Welt gegen die drohende Klimakatastrophe?
Das 2015 geschlossene Klimaabkommen von Paris wurde als historischer Durchbruch gefeiert. Mehr als 190 Staaten setzen sich darin zum Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 bis maximal 2 Grad zu begrenzen. Aktuell herrscht aber Katerstimmung, denn nach einer neuen Untersuchung sind zwei Drittel der inzwischen rund 180 vorgelegten staatlichen Aktionspläne ungeeignet, die Erderhitzung auch nur zu bremsen. Auch in diesem Jahr dürfte der weltweite CO2-Ausstoß erneut steigen. Und die Internationale Energie-Agentur (IAE) erwartet, dass er auch bis 2040 nicht etwa sinkt, sondern noch um zehn Prozent steigen dürfte. Eigentlich nötig wäre nach dem Pariser Abkommen aber eine Minderung um fast 50 Prozent. Ein Beispiel für das Schneckentempo: Zwar haben einige Industriestaaten einen Ausstieg aus der Kohle angekündigt, doch beziehen die Staaten der G20 noch immer mehr als 80 Prozent ihrer Energie aus Kohle, Öl und Gas. Weltweit sind trotz des Ausbaus der Erneuerbaren immer noch Zehntausende Kohlekraftwerke in Betrieb, und 1.400 neue sind in der Planung oder im Bau.

Worum geht es bei der Klimakonferenz in Madrid?
UN-Generalsekretär Guterres erwartet, dass die einzelnen Staaten bis spätestens nächstes Jahr ihre Klimaschutzzusagen kräftig nachbessern. Bis jetzt sind sie nämlich bei weitem nicht ehrgeizig genug, um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen. Es kann also sein, dass es in dieser Hinsicht Neuigkeiten gibt und Staaten ihre Klimaschutzpläne nachschärfen. Außerdem geht es um ein Thema, das beim vorangegangenen Klimagipfel im polnischen Kattowitz (Katowice) liegengeblieben ist, den Handel mit Klimaschutz. Strittig sind nämlich die genauen Regeln, wer sich welche Emissionsminderungen anrechnen darf. Aus Sicht von Klimaschützern muss verhindert werden, dass sich Staaten ihre Einsparungen selbst gutschreiben, diese dann aber auch noch an Drittstaaten verkaufen.  TORSTEN HOLTZ (DPA)