LUXEMBURG/MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Anleger ziehen Milliarden aus den Fondsgesellschaften ab

Das Coronavirus hat die Kunden im beliebtesten Wertpapier-Anlagebereich in Europa in Panik versetzt. Etwa neun Billionen Euro haben die Sparer in Investmentfonds angelegt. Innerhalb weniger Tage im März haben sie Anteilscheine im Wert von 232 Milliarden Euro an die Fondsgesellschaften zurückgegeben. Ein Erdrutsch, wie ihn auch die Finanzkrise der Jahre 2007/2008 nicht gesehen hat.

Das geht aus einer Studie hervor, die die größte Fondsrating-Gesellschaft der Welt, Morningstar, im Auftrag der deutschen Wirtschaftszeitung „Handelsblatt“ erstellt hat. Allerdings gibt Morningstar zu, dass die Zahlen teilweise auf der Basis der dem Unternehmen vorliegenden Daten geschätzt sind. Die Fondsgesellschaften und die Vermögensverwalter seien wenig auskunftsfreudig gewesen.

Der Deutschland-Chef von Morningstar, der die Studie erstellte, geht davon aus, dass die Schätzungen noch unter den tatsächlichen Zahlen lägen. Die Anleger hätte in ihrem Verhalten panikartig nur einen Wunsch gehabt: Raus aus den Papieren, hin zu Bargeld. Es seien drei große Fondsgesellschaften, Pimco, zum Allianz Konzern gehörend, Blackrock, und der französische Vermögensverwalter Amundi, die am meisten von betroffen seien, schreibt das Blatt. Amundi mit Sitz in Paris sieht sich selbst als der größte europäische Vermögensverwalter, der 1,45 Billionen Euro - 1.450 Milliarden Euro - verwaltet. Morningstar schätzt, dass das Geldhaus Abflüsse von 13,1 Milliarden Euro zu verzeichnen hat. Aussagen macht Amundi nicht. Als seit 2015 an der Pariser Börse notiertes Unternehmen wären Aussagen sofort berichtspflichtig.

Das Vertrauen ist verschwunden

Nicht anders geht es bei Pimco und Blackrock zu. Der Analyse im „Handelsblatt“ zufolge zogen Anleger aus den Fonds bei Pimco mit 11,2 Milliarden Euro etwa elf Prozent des Kapitals ab. Pimco ist ein traditionelles Anleihehaus. Nach der Finanzkrise von 2007/2008 galten Anleihen und nicht Aktien lange als die Favoriten der Anleger, darunter viele Versicherungsgesellschaften. Der Absturz zeigt, dass dieses Vertrauen mit der Viruskrise schlagartig verschwunden ist. Blackrock hält sich dagegen fast noch gut. Der Abzug von 17,2 Milliarden stellt „nur“ zwei Prozent des gesamten verwalteten Vermögens dar.

Morningstar stellt in einer weiteren, öffentlichen Studie auch die „Exchange Traded Funds“ (ETF) - börsennotierte Fonds - auf den Prüfstand. Hier ist die Situation nicht anders als bei den „aktiv“ gemanagten Fonds ETF, die die Indices der Börsen abbilden. Sie stürzten mit dem Börsencrash entsprechend ab. „Anleger suchten in Scharen das Weite“, heißt es in der ETF-Studie von Morningstar. Aktien ETF´s verloren 13,1 Milliarden, Anleihe ETf´s verloren 13 Milliarden. Gewinner waren hingegen die Geldmarktfonds, auf den 2,2 Milliarden Euro geparkt wurden. Der Markt verzeichnet so einen Verlust in Höhe von 24 Milliarden Euro.

Hinter dem „führenden“ Trio bei den Abflüssen befinden sich europäische Anbieter wird Schroders, JP Morgan Asset Management, Alliance Bernstein, KBC AssetManagement oder auch DWS. Eine Sonderrolle spielen die Fondsgesellschaften Union Investment und Deka, die beide ihre Fonds in Luxemburg auflegen. Union Investment ist die Fondsgesellschaft der deutschen Raiffeisen- und Genossenschaftsbanken; Deka die Fondsgesellschaft der deutschen Sparkassen. Union Investment meinte gegenüber dem „Handelsblatt“, dass der von Morningstar geschätzte Abfluss „der Realität nahe komme“. Deka verzeichnete einen Mittelabfluss in Höhe von 1,4 Milliarde Euro nach Morningstar-Schätzungen. In beiden Fällen ist Deutschland das wesentliche Absatzland.

In Deutschland profitieren Union Investment und auch Deka von einer Besonderheit. Dort wird Vermögensbildung über Sparverträge betrieben, die staatlich gefördert werden. Auch bei einer Krise laufen diese Verträge weiter. Aussteigen kann man quasi nur aus den privaten Fondssparverträgen.

Das begrenzt die Gefahr der Panik-Ausstiege. Beide Fondsgesellschaften profitieren daher in Krisen von ihren Absatzkanälen, die eine enge Verbindung zu ihren Kunden haben. Union Investment und auch Deka kommen so aus mit einem „blauen Auge“ aus dem Panik-Monat März heraus.

Das Problem wird in den kommenden Jahren ein anderes in Europa sein. Die Fondsindustrie wird große Anstrengungen machen müssen, um Kunden erneut von sich zu überzeugen, die ihr jetzt verloren gegangen sind. Es hat in dieser Geld-Industrie zwar gut zwölf Jahre nur Steigerungsraten gegeben aber der fluchtartige Ausstieg aus Wertpapieren zeigt, dass der Anleger nicht unbedingt alle zehn Jahre eine Krise benötigt.

Strukturelle Reformen und Kostendruck

Auf die Fondsindustrie wird nach dieser Krise wieder das zukommen, was es schon nach der letzten Krise gab. Es wird auf vielen Ebenen zu strukturellen Reformen kommen. Fonds werden zusammengelegt oder ganz geschlossen werden. Der Kostendruck auf die Fondsgesellschaft wird zunehmen. Es ist nicht auszuschließen, dass die Künstliche Intelligenz in der Form von Finanzrobotern Einzug in die Vermögensverwaltung hält. Das Coronavirus wird die Fondsbranche gewaltig verändern.