LUXEMBURG
DANIEL OLY

Crowdfunding aus erster Hand - die Finanzierung von Projekten kann sich lohnen

Würden Sie einem fremden Menschen zehn Dollar zahlen, damit dieser sich einen Kartoffelsalat machen kann? Die bescheidene Summe wollte der Erschaffer Zack Brown haben. Was erst lächerlich klingt, ist eines der erfolgreichsten Projekte der Schwarmfinanzierungsplattform Kickstarter. Satte 6.911 Unterstützer halfen Brown dabei, seinen Traum von Kartoffelsalat zu verwirklichen. Am Ende könnte es sogar der teuerste Kartoffelsalat aller Zeiten gewesen sein: Insgesamt kamen 55.492 Dollar zusammen.

Hinter Crowdfunding steht eine einfache Idee: Erfinder preisen ihre mehr oder minder bahnbrechenden Konzepte an und wenden sich zur Finanzierung an ein breites Publikum, das anstelle traditioneller Geldgeber in die Bresche springen soll. Realistischere Massenerfolge wie die „Pebble“-Smartuhr oder das humoristische Kartenspiel „Exploding Kittens“ zeigen, dass die Schwarmfinanzierung über Plattformen wie GoFundme, Indiegogo, Rockethub oder dem Branchenprimus Kickstarter durchaus erfolgreich sein können. Bei besonders beliebten Ideen artet das auch schon mal aus: „Exploding Kittens“-Erfinder Elan Lee wollte damals beispielsweise nur rund 10.000 Dollar zur Verwirklichung seines Kartenspiels. Heraus kamen knapp 8,8 Millionen Dollar von fast 220.000 Unterstützern.

Auch „Journal“-Redakteure tummeln sich als Unterstützer auf den verschiedenen Schwarm-Plattformen; allein auf Kickstarter habe ich mehr als zwanzig Projekte mitfinanziert. Mit gemischtem Erfolg.

Licht und Schatten

Bei mir sitzt die Kreditkarte besonders locker, wenn es etwas wirklich Einzigartiges gibt. Die „Creator“ genannten Erschaffer der Projekte haben schlagfertige Argumente: Statt über einen anderen Geldgeber als Mittelsmann wenden sie sich direkt ans Internet - also an mich! Quasi so, als ob ich die Milch direkt vom Bauern kaufe.

Darin sind Crowdfunding-Portale richtig gut. Sie vermitteln das Gefühl, Teil von einer großartigen, neuen Idee zu sein; endlich mal wirklich etwas bewirken. Dazu kommt, dass Plattformen wie Kickstarter den Austausch mit den Erschaffern denkbar einfach machen und gut geführte Projekte alleine deshalb auch ein kleines Abenteuer sind.

Persönliches Highlight: Unter dem Projekt „Wood that went to war“ konnte ich ein Stück Geschichte erwerben. Das Holz vom Deck eines Schlachtschiffs der US-Navy schmückt jetzt Manschettenknöpfe und hochwertig verarbeitete Füllfedern, auf die jeder Finanzierer stolz sein kann.

Überzeugt hat mich auch die Idee eines bequemen Pullovers für Abenteurer. Meinen tollen „Adv3nture“-Pulli trage ich im Winter quasi täglich, dank cleverem Konzept ist er aber auch im Sommer nicht zu heiß.

Crowdfunding-Projekte haben eine ganz eigene Struktur: Unterstützer können eine beliebige Summe zur Verwirklichung der Ziele investieren. Abgebucht wird das Geld in der Regel nur, wenn die vorab festgelegte Summe vor Ablauf der Zeit zusammenkommt. Bislang war das auf Kickstarter bei über 130.000 Projekten - klein oder groß - der Fall. Clevere Projekte bieten verschiedene Kategorien für unterschiedlich hohe Summen an. Bestes Beispiel: Wer besonders viel Geld investiert, kann die Erfinder treffen, selbst Vorschläge machen oder sich im Projekt verewigen.

Auch Premium-Pakete mit mehr Inhalten, verfrühtem Zugang oder einem exklusiven Bonus sind oft echte Börsengräber. Hinzu kommt, dass die Erschaffer sehr gern auf „Stretch goals“ setzen. Das heißt: Wenn das gesetzte Ziel von zum Beispiel einer Million Dollar übertroffen wird, gibt es schrittweise weitere Zusatzleistungen. Das kann auch schon mal ausarten, weil sich Erschaffer um Kopf und Kragen reden und mehr versprechen, als sie liefern. Das zeigt , dass es auch weniger tolle Erfahrungen mit dem Schwarm gibt.

Gefahren und Schlupflöcher

Aufpassen sollten Einsteiger deshalb besonders bei Projekten, die praktisch eine eierlegende Wollmilchsau versprechen. Generell gilt: Crowdfunding-Plattformen sind kein Fachgeschäft. Die dort versprochenen Produkte haben weder eine Erfolgsgarantie noch eine sichere Lieferzeit. Da kann zwischenzeitlich viel schief gehen, während der potenzielle Kunde kaum Handhabe hat.

Hier spricht die Erfahrung: Auf einige meiner mitfinanzierten Projekte warte ich seit über einem Jahr, die geplante Fertigstellung war vor über acht Monaten geplant. Besonders ärgerlich: Ein Projekt sollte als Geschenk zu Weihnachten herhalten. Bekommen habe ich es erst vor rund einer Woche. Immerhin hält es, was es versprach.

Garantiert wird nicht. Es gibt genügend enttäuschte „Backer“, die nach monatelang mies geführten Projekten etwas erhalten, das nicht dem ursprünglich versprochenen Gadget entspricht. Da wäre etwa die gescheiterte Spielekonsole „Ouya“ zu nennen, die ihre hoch gesteckten Ziele trotz millionenschwerer Finanzierung nicht realisieren konnte. Vorsicht ist deshalb neben luftigen Versprechungen außerdem geboten, wenn das Projekt nicht klar erkenntlich einen Prototypen hat. Kampagnen nutzen sehr gern aufwendige 3D-Grafiken, um das fertige Produkt vorab zu zeigen. Diese können aber den Eindruck erwecken, dass das Projekt wesentlich weiter in seiner Entwicklung vorangeschritten ist. Deshalb sind solche Rendergrafiken auf Kickstarter verboten, andere Schwarmplattformen erlauben sie aber. Hier sollten eifrige Unterstützer vorsichtig sein.

Vor zwei Worten sollten Crowdfunder sich ohnehin hüten: „Flexible Financing“ heißt, der Kreator kriegt jeden letzten Dollar, der in das Projekt gesteckt wird - selbst, wenn das gesteckte Ziel nicht erreicht wird. Verpflichtungen gibt es dann keine, das Geld ist trotzdem futsch. Es ist nicht alles Gold, was glänzt, und auch der Schwarm hat so seine Tücken. Darum gilt: Besser vorher prüfen, statt nachher enttäuscht werden.