DÜSSELDORF/LUXEMBURG
MARCO MENG

Niedrigzins lastet auf Lebensversicherer: Belgien und Luxemburg nicht mehr attraktiv

Ergo stellt Neugeschäft und Vertriebsorganisation für Lebensversicherungen in Belgien und Luxemburg ein. Das gab der deutsche Versicherer am Freitag bekannt.

Zukünftig soll sich das belgische Tochterunternehmen auf den Service für die Bestandskunden konzentrieren. Entsprechende Pläne wurden Freitag dem Betriebsrat vorgelegt. Sie können erst nach Abschluss dieses Prozesses umgesetzt werden. Die Abwicklung der Vertriebsorganisation würde in Belgien den Abbau von fast 200 Arbeitsplätzen der dort insgesamt 350 bedeuten, in Luxemburg wären es fünf Stellen, wie der Konzern dem „Journal“ bestätigte. Die bestehenden Verträge seien nicht betroffen, betonte die Assekuranz: Im Großherzogtum hat Ergo eigenen Angaben nach 12.000 Kunden.

„Infolge der schwierigen Bedingungen an den Kapitalmärkten ist die Ertragskraft in der belgischen Lebensversicherung in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen“, begründet Ergo den Schritt. Die gesamten Beitragseinnahmen in Belgien und Luxemburg beliefen sich im vergangenen Jahr immerhin auf 524 Millionen Euro, doch das reine Lebensversicherungsgeschäft trug dazu nur 3,2 Prozent bei. Das Vertriebsmodell mit Agenturen und Vertriebspartnern sei ein Unikat im belgischen Markt, wo die konkurrierenden großen Banken und Maklerorganisationen Wettbewerbsvorteile hätten.

Wettbewerber stärker

„Als einer der kleineren Marktteilnehmer in Belgien haben wir strukturelle Nachteile auf der Kostenseite“, sagte Mark Lammerskitten, Vorstandsvorsitzender von Ergo in Belgien. „Neuverträge waren im anhaltenden Niedrigzinsumfeld der letzten Jahre nicht profitabel. Und wir können nicht davon ausgehen, dass sich die Situation in den nächsten Jahren fundamental ändert.“

Gleichzeitig kündigte die in Düsseldorf ansässige Gesellschaft Investitionen in die Verwaltung, das Risikomanagement und den Finanzbereich an und will der belgischen Tochter dazu 300 Millionen Euro zusätzliches Personal bereitstellen. Das soll „die Widerstandsfähigkeit des Unternehmens im aktuell schwierigen Umfeld“ erhöhen.

Thomas Schöllkopf, Vorstandsmitglied der Ergo International AG, gab zu, dass es „ein schmerzhafter Vorschlag“ gewesen sei, der dem Betriebsrat in Belgien vorgelegt wurde. „Er ist aber der einzig tragfähige angesichts unserer speziellen Situation in der belgischen Lebensversicherung sowie an den Kapitalmärkten.“ Es gelte nun, die bestmögliche Lösung für Kunden, Mitarbeiter und Vertriebspartner zu finden.

Ergo schrieb im dritten Quartal des ablaufenden Jahres erneut rote Zahlen. Das operative Ergebnis für die Monate Juli bis September fiel von 113 Millionen Euro auf 80 Millionen Euro. Das Konzernergebnis: Ein dickes Minus von 52 Millionen Euro. Schon von Januar bis September verzeichnete Ergo einen Verlust von 111 Millionen Euro.

Luxemburgs Versicherungsmarkt

Bislang konnten sich die luxemburgischen Gesellschaften gut auf neue Anforderungen einstellen, wie die Geschäftsergebnisse zeigen. Im dritten Quartal waren zuletzt die Einnahmen wieder gestiegen, das erstemal seit zwei Jahren. Dennoch müssen Lebensversicherer kämpfen, um die nötigen Renditen aufzubringen. Die 82 Versicherungsunternehmen im Land erzielten letztes Jahr Prämieneinnahmen von 34 Milliarden Euro. Gewinn nach Steuern belief sich im Nicht-Leben-Geschäft auf 112 Millionen Euro, im Leben-Geschäft sogar auf 224 Millionen Euro nach Angaben des „Commissariat aux Assurances“. Das Lebensversicherungsgeschäft stellt die Branche aber vor Herausforderungen: Während hier die Einnahmen im letzten Jahr um zehn Prozent zurückgingen, stiegen sie im Nicht-Leben-Versicherungsgeschäft um acht Prozent.

VERSICHERER IM STRESSTEST

Milliardenbelastung durch Niedrigzinsen

Lebensversicherer stehen wegen des Zinstiefs unter Druck. Wie krisenresistent ist die europäische Branche, wenn die Niedrigzinsen noch lange anhalten und weitere Belastungen hinzukommen? Wie aus dem am Donnerstag veröffentlichten Stresstest der Europäischen Versicherungsaufsicht Eiopa hervorgeht, müssten sich die 236 untersuchten europäischen Versicherer auf Belastungen von insgesamt 100 Milliarden Euro einstellen, wenn die Niedrigzinsen dauerhaft anhalten. Vor allem die deutschen Assekuranzen trifft es hart. Auf sie kämen 27,89 Milliarden Euro zu, weil die Vermögenswerte langsamer wachsen als die Verbindlichkeiten gegenüber den Versicherten: die hohe Zinsgarantien aus alten Verträgen machen zu schaffen. Gäbe es zusätzlich noch einen Absturz der Wertpapierkurse, wie der Test in einem Extremszenario durchspielte, würden europaweit die Bilanzen der Unternehmen mit 160 Milliarden Euro belastet.

Der Test wurde erstmals nach Einführung der neuen Kapital- und Aufsichtsregeln (Solvency II) durchgeführt. Er zeige die Verwundbarkeit des Sektors, sagte Eiopa-Präsident Gabriel Bernardino. Die nationalen Aufsichtsbehörden sollten bei Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf der Kippe stehe, gegebenenfalls die Dividendenausschüttung untersagen beziehungsweise die Höchstgarantien deckeln, empfahl die Eiopa.

Insgesamt seien die Versicherer der Eiopa zufolge aber abseits der Stress-Szenarien angemessen kapitalisiert. Allerdings patzten zwei europäische Unternehmen bereits vor jeglichem Stress. Ohne die Sonderregeln für den Übergang auf „Solvency II“ und Ausnahmen für langfristige Zinsgarantien wären es sogar 32 der 236 Versicherer gewesen. Unternehmensnamen wurden nicht genannt. (MM)