LUXEMBURGCLAUDE MULLER

Sir Simon Rattle und die Londoner Symphoniker in der Philharmonie

Es gibt Konzerte, die man am liebsten gleich wieder vergessen möchte und es gibt Konzerte, über deren positive Wirkung man stundenlang meditieren könnte und deren Aussagekraft nachhaltig unsere Erfahrungen mit erstklassigen Musikdarbietungen enorm bereichert. Zu der zweiten Kategorie gehört ohne Umschweife die hochkarätige Performance des „London Symphony Orchestra & Chorus“ unter Sir Simon Rattle am Sonntag in der Philharmonie.

Orchester mit dem berühmten „eigenen Klang“, wie die Wiener oder Berliner Philharmoniker beeindruckten den radikalen Newcomer schon am Anfang seiner Karriere nicht. Bereits vor 40 Jahren, als er das „City Of Birmingham Orchestra“ übernahm, war es sein Ziel „ein Orchester „so zu formen, dass es wirklich jeden Komponisten anders spielt, keinen unverwechselbaren Birmingham Sound, sondern einen Beethoven-, einen Mahler- oder einen Henze-Klang hervorbringt“. Dass er diese damals mit jugendlichem Elan verkündete Devise noch heute in die Tat umsetzt, davon konnten wir uns vorgestern mit einem gezielt kontrastreichen Programm vollends überzeugen.

Alban Bergs Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“, das dieser der verstorbenen Tochter von Alma Mahler und Walter Gropius gewidmet hatte und der Mutter als Geburtstagsgeschenk anbot, konnte mit der hochbedeutenden Interpretation der deutsch-georgischen Solistin Lisa Batiashvili die tiefgreifende Dimension der spannenden Gestaltung der facettenreichen, emotionalen Konzertmusik erzielen.

Leidenschaftlich und expressiv

Obwohl im dem circa 25-minütigen Werk, von den kadenzartigen Passagen im zweiten Satz abgesehen, keine rasanten, virtuosen Phrasen im klassischen Sinn zu verzeichnen sind, ist es dem Komponisten gelungen, die Tradition berühmter Violinkonzerte bedeutender Komponisten wie Beethoven, Brahms oder Tschaikowsky konsequent fortzuführen und weiterzuentwickeln. In dieser, seiner letzten großen Komposition, die er in seinem Todesjahr 1935 schuf, verstand er es durch geschickte klangliche Differenzierungen die traditionellen Stimmungen mit der experimentellen Zwölftontechnik zu verknüpfen, was durch die Verwendung von tonalen Elementen und Zitaten noch verstärkt wird. Die Solistin Lisa Batiashvili verstand es, alle Feinheiten und Gefühlsbewegungen klanglich voll auszuleben und mit ihrem leidenschaftlichen, expressiven Spiel zu begeistern.

Selbst in den lyrischen, elegischen Partien des ergreifend interpretierten Memorandums ließ Rattle Blitze zucken, und die Solistin beschwor durch ihre subtilen dynamischen Kühnheiten eine einmalige Musiksprache, womit beide zusammen mit dem brillant agierenden Orchester das Publikum intensiv an der Gedankenarbeit des Schöpfers dieses anmutigen Werks teilnehmen ließen. Nach dieser sicherlich anstrengenden Konzentrationsübung für sämtliche Mitwirkenden offerierte die Solistin eine wunderbare Version der Bachkantate „Ich steh mit einem Fuß im Grabe“ untermalt von der sensiblen Pizzicatobegleitung der Streichersektion der Londoner Symphoniker.

Unmittelbares Erlebnis

Nicht weniger aufregend war das selten aufgeführte opernhaft aufgebaute Oratorium „Christus am Ölberge“ des Jubiläumskomponisten Ludwig Van Beethoven, das Rattle dank seiner imponierenden musikalischen Malerei zu einem unmittelbaren Erlebnis machte. Beethoven brachte dieses Werk als eines der ersten nach seiner zur Gewissheit gewordenen Ertaubung heraus. Wie bei dem von Schwermut und Weltschmerz geprägten Opus Alban Bergs trat auch hier Sir Rattles Vorstellung vom eigenen Klang eines jeden Komponisten voll zur Geltung. Gleich bei den ersten Takten führte der Maestro mit strahlender Kraft in eine andere Welt voller melodiöser und harmonischer Kompaktheit und stellte die dynamischen Kontraste, die, trotz großer Orchesterbesetzung, die kammermusikalischen Eindrücke unterstrichen, in den Vordergrund.

Dank der konstruktiven Interpretation, der perfekt ausgerichteten Balance zwischen Melos, Klang und Rhythmus, sowie der vorbildlichen Intensität der Protagonisten und Komparsen, konnten wir Beethovens erstes sakrales Vokalwerk völlig neu erleben.

Der lyrisch expressive Tenor Pavol Breslik überzeugte in seiner Rolle als Jesus mit pathoserfüllter Leidenschaft, während David Soar als Petrus mit markigem Bass in ausgeglichenen, sonoren Intermezzi für den ruhenden Pol in der fesselnden Inszenierung sorgte. Für die zahlreichen Höhepunkte des opernhaften Oratoriums zeichnete zweifellos die Sopranistin Elsa Dreisig mit ihren impressionanten nahtlosen Übergängen vom rezitativen zum Koloraturgesang verantwortlich. Ein erheblicher Anteil am makellosen Gelingen des Singspiels geht auf das Konto des „London Symphony Chorus“, der mit bravourösen, perfekt ausbalancierten, Einlagen glänzte.

Dass sich das Herumstöbern und Experimentieren mit raren und zu Unrecht vergessenen Werken lohnt, hat Rattle schon öfter bewiesen, aber in diesem Fall machte das phänomenale Resultat einer perfekten Einstudierung und Inszenierung sprachlos und man kann, gemäß der Devise des bewährten Chefdirigenten: „Ich liebe gerade Partituren, die andere achtlos in die Ecke werfen“, von einer der kostbarsten Entdeckungen der letzten Jahre sprechen.