LUXEMBURG
PIERRE WELTER, FREIER JOURNALIST

Das Mühlenbacher Geiseldrama vor Gericht

Am Freitagmorgen hat sich das Hauptopfer der Geiselnahme in Mühlenbach vor Gericht geäußert. Bei der gerichtlichen Anhörung hat der „wichtigste Zeuge“ der Anklage, Michel P., im Prozess detailliert die physischen Übergriffe der Peiniger beschrieben. Die Vernehmung war eine emotionale Achterbahnfahrt. Leid und Abscheu lagen oft ganz eng beieinander. Der Mann wirkte angespannt, konnte sich aber auf das Gespräch konzentrieren. „Da hat eine echte Erschütterung in ihm stattgefunden“, sagte sein Anwalt Me François Moyse. Das Opfer könne das nie vergessen.

Der Mann war brutal verprügelt und lebensgefährlich verletzt worden. Ali A. hatte ihn bei seinem Fluchtversuch mit einer Hantel auf das linke Ohr geschlagen. Mit acht Stichen musste der Mann am linken Ohr genäht werden. Besonders gefährlich war der Einriss der linken Netzhaut, die letztlich zu einer Netzhautablösung mit einer deutlichen Sehbeeinträchtigung führte. „Je me sentais un peu mort ce soir là“, beteuert das Opfer.

„Ich war naiv“, sagt das Opfer. „Im Hotel Georges V in Paris habe ich den Mann getroffen. Ein Typ, von dem ich dachte, ich könnte ihm vertrauen. Ich war im Stress. Wir machten viele Dinge gleichzeitig. Die finanzielle Operation hätte sich für unsere Gesellschaft gelohnt. Und man war hochzufrieden mit dieser Entscheidung, auch weil sie logisch schien.“ „Ils lui ont volé sa vie“, sagte Me François Moyse. Der Nebenkläger beantragte eine Gesamtentschädigung von 375.000 Euro.

In einer zweiten zivilen Nebenklage beantragte ein Anwalt für einen Ex-Angestellten einer bekannten „Bijouterie“ in Luxemburg-Stadt eine Gesamtentschädigung von 1, 2 Millionen Euro. Der 53-jährige Mann könne durch die Geiselnahme nicht mehr arbeiten. Die Ärzte hatten für das Opfer eine Teilinvalidität von 65 Prozent berechnet.

Am Schluss der Verhandlung gab ein weiteres Opfer zu Protokoll, er kenne die Adresse der Geisel, die die Gangster mit nach Paris nahmen. Der Geisel, Gilles F., hatten die Gangster eine Weste mit Sprengstoff angezogen. Die Staatsanwaltschaft hatte versucht, diesen Mann als Zeugen zu kontaktieren. Sie bekam nie eine Antwort. Der Zeuge glaubt zu wissen, dass der Mann in Luxemburg-Stadt in einer Gesellschaft als finanzieller Berater tätig ist. Dieser Mann hatte den Deal organisiert und die Kundschaft herbei getrommelt. Das Opfer erzählt, dass auch sein Unternehmen kontaktiert worden war. Die Verantwortlichen hätten akzeptiert, weil es um drei Milliarden Euro ging und die besagte Firma „bei gutem Verkauf“ eine Prämie von 50 Millionen erhalten würde. „Ce n’est pas habituel“, meinte die Vorsitzende Richterin Sylvie Conter, „ça aurait dû vous interpeller.“ Gilles F. hätte seiner Firma sogar geraten, dem Prinzen Goldbarren zu verkaufen. „À la fin, ça n’a pas marché“, beteuerte er.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt