DÜDELINGEN
CLAUDE KARGER

Vor 75 Jahren: Die Nazis wüten noch einmal in Düdelingen - Sechs Tote

Der 2. September ist ein Tag schmerzlicher Erinnerung in Düdelingen. Vor 75 Jahren fielen hier sechs Einwohner der Nazi-Barbarei zum Opfer, darunter die erst neunjährige Nicole Fossati. Was war geschehen? Es ging damals das Gerücht, dass US-Truppen bereits in der Nähe von Volmerange-les-Mines gesichtet worden waren. Nach über vier Jahren Knechtung keimte bei den Düdelingern ein Hoffnungsschimmer auf Befreiung und viele von ihnen versammelten sich vor dem Stadthaus. In Erwartung der Ankunft der Amerikaner wurde die luxemburgische Fahne aufgehängt, die Symbole der Nazi-Herrschaft mit Füssen getreten, die Kollaborateure festgenommen. Doch die Freude sollte nur kurz währen.

Gegen 14.00 fuhren zwei Lastwagen mit SS-Männern vor dem Stadthaus vor und schossen über die Köpfe der feiernden Düdelinger hinweg. Spuren des Maschinengewehrfeuers kann man heute noch an der Fassade der „Märei“ sehen. Sie wurden absichtlich nie repariert.

Lebendig verbrannt

Die Resistenzler, die sich im Stadthaus aufhielten, flüchteten durch den Hinterausgang. Doch die SS stellten ihnen nach. Am Ende waren vier Menschen tot. Später zündete die SS ein Geschäftshaus an, an dem kommunistische Fahnen gehisst worden waren. Eleonore Preti-Peeters und ihre Tochter Blanche Smeets verbrannten bei lebendigem Leib. In den darauffolgenden Tagen sollte die Gestapo die Bevölkerung noch einmal terrorisieren, sogar Geiseln nehmen. Vier Düdelinger, die abtransportiert wurden, sah man nie wieder. Als die US-Truppen in den Tagen danach tatsächlich nach Luxemburg vordrangen und die Nazis mit ihren Helfern flohen, Prinz Félix und Prinz Jean die Stahlarbeiterstadt am 12. September besuchten, hatte der Krieg für die Düdelinger endlich ein Ende. Der Blutzoll war hoch: 141 junge Männer waren im Wehrdienst umgekommen, zwölf Bürger waren in deutschen Lagern gestorben.

Am Montagabend gedachten die Düdelinger im Beisein von Premier Xavier Bettel den Kriegsopfern, die die Stadt bringen musste, die bereits nach dem Nazi-Überfall zum Schlachtfeld geworden war, weil sie sich zwischen den deutschen und französischen Linien befand. 11.000 Einwohner wurden im Mai 1940 nach Frankreich und in andere Teile Luxemburgs evakuiert, während das Artilleriefeuer der Maginot-Linie auf die Stadt niederging.

Sorge um die EU

Der Historiker Jean Reitz erzählte bei einer feierlichen Sitzung im Kulturzentrum „opderschmelz“ die Geschichte des Leidens der Düdelinger Bevölkerung. „Es ist wichtig, an diese dunklen Zeiten zurück zu denken“, sagte Bürgermeister Dan Biancalana, „denn sie führen uns vor Augen, dass das, was uns heute so selbstverständlich erscheint – Freiheit, Recht und Menschlichkeit – es gar nicht ist und hart erkämpft werden musste.“ „Die Erinnerung wach zu halten, gehört zu den Pflichten eines Premiers“, erklärte Xavier Bettel seinerseits, der die Notwendigkeit betonte, die Vergangenheit weiter aufzuarbeiten. Regierungschef wie Bürgermeister zeigten sich beunruhigt über das Erstarken rechtsextremer Parteien in Europa. Letztere würden mit Ausgrenzung und Hass werben und nach der Zerstörung der Europäischen Union trachten. Dabei „sind wir nur stark, wenn wir zusammenhalten“, unterstrich Xavier Bettel.