NORA SCHLEICH

Quodcunque ostendis mihi sic, incredulus. Horat. [Hor. Epist. 2, 3, 188: Was immer du mir da zeigst, ich glaube es nicht.]

Mittlerweile scheinen sich die meisten unserer öffentlichen Persönlichkeiten mindestens bereits einmal in akuter Erklärungsnot befunden zu haben. Der Staatsminister versuchte sich wegen (un?)überlegten Gesprächen mit Ex-Geheimdienstagent Kemmer zu rechtfertigen, Angela Merkel hätte versuchen können, dem Volk ihren Antrieb zu ihrer Entscheidung in der Causa Böhmermann offenzulegen, wodurch vielleicht, so ganz nebenbei gesagt, ein wenig mehr Sachverstand in die Debatte einfließen hätte können, und etliche große Akteure gerieten ins Straucheln, was die berühmt berüchtigten Panama Papers oder Fifaleaks angeht …

Wie erklärt man sich überhaupt am Besten? Ist es besser, im Stillschweigen seinem eigenen Urteilsvermögen zu trauen, eine Entscheidung zu treffen und dem Erklärungsdurst der Öffentlichkeit zu trotzen? Ist es besser, einen undurchsichtigen Sachverhalt mit möglichst wenigen Argumenten zu erklären? Oder bedarf es doch gerade bei komplexen Themen einer vielfältigen Erklärung, wodurch die Beweisführung aufs Bestmöglichste belegt werden soll? Oder ist die beste Erklärung die, welche die allgemeine Menschenvernunft als die plausibelste beurteilt?

Ja, einige oder mehrere Male soll etwas x-Beliebiges mit dem berühmt berüchtigten gesunden Menschenverstand oder der gepriesenen allgemeinen Menschenvernunft gerechtfertigt werden.
Den gesunden Menschenverstand als eine Art Gemeinsinn anzusehen, ist im alltäglichen Gebrauch vielleicht durchaus angebracht, an diesem Umgang stößt sich eigentlich nicht viel. Jedoch geht es eher darum, dass es oftmals nicht ausreicht, nur auf den allgemeinen Menschenverstand hinzuweisen, um eine Entscheidung oder Haltung rechtfertigen zu können. Zudem, da das Konzept dieses Vermögens bis auf weiteres nicht wirklich verständlich wirkt. Was ist das, der allgemeine Menschenverstand? Und, darüber hinaus, je größer die öffentliche und wissenschaftliche Tragweite, desto unangebrachter ist der Verweis auf die Selbsterklärung durch eben diese Fakultät.

Es gibt mitunter noch zwei wichtige Prinzipien der Erklärungsmethodik, die im Alltäglichen ihre Anwendung finden: das Sparsamkeitsprinzip und das Prinzip der Vielfalt. Als bekanntester Befürworter des Sparsamkeitsprinzips wird meist der englische Philosoph Ockham genannt. Die Gründe des Sparsamkeitsprinzips lassen sich allerdings bis ins alte Griechenland zurückverfolgen. Laut dieser Theorie ist die beste Erklärung die, die mit möglichst wenigen Variablen auf einfachste Weise einen Sachverhalt erklären kann. Das Unkomplizierte wird dem Umständlichen und schwerlich Nachzuvollziehenden vorgezogen. Die plausibelste Erklärung wird adoptiert, alle anderen werden mit dem sogenannten „Ockhamschen Rasiermesser“ weggeschnitten. Nehmen wir zum Beispiel an, dass an einem windigen Tag ein Baum umgefallen ist.

Die einfachste Erklärung ist wohl die, dass der Sturm den Baum umknicken ließ. Im Allgemeinen wird dies als Grund wohl akzeptiert werden, doch heißt das noch lange nicht, dass dies auch die Tatsächlichkeit des Vorganges erfasst! Der Baum könnte auch von einem ihn anschubsenden Elefanten umgelegt worden sein, oder von einem Meteoren, oder gar von uns unbekannten Wesen! Auch wenn all dies nicht sehr plausibel scheint, hundertprozentig zu verneinen ist dies aber dennoch nicht.

Mit eben letztem Argument treten unter anderem Leibniz und Kant hervor. Für sie gilt das Prinzip der Vielfalt, nach dem die beste Erklärung die ist, die in einem vielfältigen System von Erklärungen ihre Rechtfertigung finden soll. So ist diese Variante der Erläuterung für komplexe Sachverhalte durchaus angebracht, denn verschiede Argumentationen lassen sich nicht banal oder mit einigen Zeilen zufriedenstellend und allumfassend einsehen.

Nun ist aber die Frage zu stellen, ob dem Politiker, der zum erwartungsvollen und nach Erklärung lechzenden Volk spricht, nicht eher zu misstrauen ist, wenn er sich - wie das Sprichwort so schön illustriert - um Kopf und Kragen redet. Versucht ein Jemand, den Anderen mit allen Mitteln zu überzeugen, indem er Argumente um Argumente auftischt, etliche Beweise und Theorien anzuführen sucht, könnte man glatt auf den Gedanken kommen, dass die Grundinformation selbst vielleicht gar nicht so vertretbar sein könnte, wie sie uns verkauft werden soll. Zudem sind öffentliche Angelegenheiten doch meist keine ausgefuchsten fachspezifischen Komplexitäten, sondern betreffen normalerweise direkt das alltägliche Leben des Bürgers.

Darum kann auch hier ein altes Sprichwort das Wesentliche bestens zusammenfassen: Weniger ist mehr!, hüten Sie sich demnach vor dem ausufernden Redeschwall, undurchsichtigen Argumentationen und dem x-ten Dementi vorheriger Aussagen.