CHRISTIAN BLOCK

Umfragen sind Momentaufnahmen, das wissen die meisten Menschen und das weiß auch die EU-Kommission, die angesichts der jüngsten regelmäßigen Eurobarometer-Umfrage vorsichtig optimistisch von einem „Europäischen Frühling“ sprach. Tatsächlich machten die Ergebnisse einen Zuversichtszuwachs unter den Bürgern der EU aus. 56 Prozent der Befragten äußerten sich mehr oder weniger optimistisch zur Zukunft der Union - gewiss eine deutliche Verbesserung über die vergangenen Jahre, aber immer noch ein gutes Stück unter den Werten von vor der Finanz- und Wirtschaftskrise mit über 63 Prozent.

Auch das Vertrauen in die EU erreichte, nachdem der Prozentsatz lange auf der 30-Prozent-Marke dümpelte einen Höchstwert, nimmt man 2010 als Ausgangsbasis. Zehn Jahre nach dem, was gemeinhin als Ausbruch der Finanzkrise bezeichnet wird und ihren Folgen, die bis heute sichtbar sind, sieht man sich etwa die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank an, rücken wirtschaftliche Probleme in der Wahrnehmung vieler EU-Bürger allmählich in den Hintergrund. Noch 2013 zählten die wirtschaftliche Lage, die Arbeitslosigkeit und die Lage der öffentlichen Finanzen zu den drei am häufigsten genannten Problemen, denen die EU gegenübersteht, was auch den Sparkurs vieler Regierung zu diesem Zeitpunkt erklärte. Heute, wenig überraschend, zählen Terrorismus und Einwanderung zu den größten Sorgen - weit vor der wirtschaftlichen Lage.

Überraschen kann der wachsende Optimismus allerdings angesichts zahlreicher Spannungen und Unsicherheitsfaktoren. Wobei man differenzieren muss. In den Brexit-Verhandlungen konnte die EU bislang von der geschwächten Position Theresa Mays profitieren und selbstbewusst auftreten, was manche Unwägbarkeit vorläufig in den Hintergrund rückte. Die jüngsten Entwicklungen in der Türkei aber auch in Polen verdeutlichten, wie schnell der Rechtsstaat in Gefahr geraten kann und weshalb die EU als Garant wichtig bleibt. Die Grundwerte und -pfeiler der EU, lange Zeit als selbstverständlich wahrgenommen, haben so in der jüngsten Vergangenheit neue Aktualität erhalten. Auch den Kurswechsel der USA in der Handelspolitik wie mit dem Ausstieg aus dem Freihandelsabkommen TPP hat die EU nicht verschlafen: Die Grundsatzeinigung für ein Freihandelsabkommen mit Japan kam symbolträchtig kurz vor dem G20-Gipfel in Hamburg zustande. Die vor wenigen Tagen beschlossene strategische Zusammenarbeit mit Australien dürfte in eine ähnliche Richtung zielen.

Die Frage stellt sich dennoch, was bei der Reflexion über die Zukunft der EU am Ende herauskommen kann. EU-Kommissionspräsident Juncker will bekanntlich im September die verschiedenen Ideen, beispielsweise zur Zukunft der europäischen Verteidigung oder der EU-Finanzen „weiterentwickeln“, bevor im Dezember erste Schlussfolgerungen gezogen werden sollen. Doch dieser gesamte Prozess scheint heute schon zu erlahmen und gute Ideen drohen an einer langwierigen Umsetzung zu scheitern oder im Sand zu verlaufen. Dessen ungeachtet werden die europäischen Streitthemen wohl auch weiterhin nicht ausgehen.