LUXEMBOURG
NORA SCHLEICH

Arthur Schopenhauer meets Bob Marley

„One good thing about music, when it hits you, you feel no pain“, sagte einst Bob Marley (1945–1981), einer der bekanntesten Reggae-Musiker der Geschichte. Wahrscheinlich gibt es ansonsten keine Schnittstellen zu Arthur Schopenhauer (1788–1860), deutscher Philosoph und Begründer eines empirischen und metaphysischen Pessimismus, vor dessen Texte mich einst ein Philosophielehrer wohlwollend mahnte: „Lesen Sie nicht zu viel Schopenhauer, das könnte auf das Gemüt schlagen“. Wohl wahr, Schopenhauers zentraler Gedanke lässt auf den ersten Blick wenig Raum für Frohmut. So vertrat er doch die These, dass alles in der Welt sinnlos wäre, lediglich eine Projektion des drängenden Willens: dem Lebensprinzip, das jedem von uns Ruhe und Frieden raubt. Wir sind nicht mehr als der Leib dieses Willens, durch den sein ewiges, blindes und sinnloses Streben Gestalt annimmt. Es ist dies der Grund dafür, dass wir Menschen leiden, uns krümmen, vor Sehnsucht und Verlangen zergehen. Der Wille drängt uns dazu, uns unsere Welt vorzustellen. Die Welt ist demnach nur Welt, weil wir sie uns vorstellen. Alles, was uns umgibt und erscheint ist demnach nichts als unsere Vorstellung – und ist nicht, außer in unserer Vorstellung. Das einzige was ist, ist der Wille, in allem und allem übergeordnet, der nur als Leib in einer Individualform erscheint und dort für Schmerz und ewige Rastlosigkeit sorgt. Das einzige, was dieser Wille will, ist wollen. Und dies will er ständig, immer mehr, immer schneller. Die Gedanken Schopenhauers scheinen in der heutigen Zeit von erschreckender Aktualität, sind doch auch wir ständig am Hasten, selten zufrieden, selten ruhevoll und in Einklang mit allem. Es gibt Pläne, Termine, Wünsche, Hoffnungen, Begierden. „Wir denken selten an das was wir haben, aber immer an das, was uns fehlt“, seufzt Schopenhauer. Wie können wir das Begehren stillen? Wann kehrt endlich Ruhe ein? Sie widersprechen vielleicht, gibt es doch die kleinen und etwas größeren Freuden, die das Leben lebenswert machen sollen – und wollen wir denn nicht leben? Schopenhauer schüttelt den Kopf, diese kleinen Lichtblicke sind nichts weiter als kleine, vergängliche Moment des Widerstreits des Willens mit sich selbst, nach einiger Zeit verlieren auch Sie sich wieder im Streben und Sehnen, im Wollen und Wünschen. Am Leiden der Menschheit wird sichtbar, dass der Wille der stete Herrscher über uns alle ist.

Erst wenn dies erkannt wird, dass das Wesen der Welt der Egoismus des Willens ist und wir uns nicht mehr durch unser individuelles Dasein von diesem grundlegenden allumfassenden Prinzip täuschen lassen, kann die Resignation des Willens herbeigeführt werden: indem wir ihm entsagen. In dem wir nicht mehr wollen? Oder nichts mehr wollen? Ein Leben in der Askese wird oft als erfüllend gedeutet. Doch ist es nicht auch hier wieder die Erfüllung und die Ruhe, die gewollt wird? Können wir dem Wollen überhaupt entkommen? Der dunkle Gedanke Schopenhauers – mit der Lebensverneinung ist auch der Wille gestillt.

Doch soweit muss es nicht kommen, um Erlösung zu erfahren. In der Kunst, so Schopenhauer, findet sich die befristete Erlösung unseres jämmerlichen Daseins. Sie entschädigt uns für die Mühen des Lebens und offenbart uns das Reinste der Welt. Hier verweilen wir einen Augenblick, betrachten, geben uns der bloßen Kontemplation hin und fühlen uns im innersten angesprochen. Wenn ich nun an Bob Marley denke, erscheint mir das weltberühmte Bild des Rastakopfes vor Augen, auf dem er herzlich und mitreißend lacht. Wie passt dies nun zu Schopenhauers pessimistischen Weltbildes? Nun, Schopenhauer würde der eingangs zitierten Aussage Marleys ohne zu Zögern zustimmen. Von allen Kunstformen ist es nur die Musik, „eine so große und überaus herrliche Kunst, [die] so mächtig auf das Innerste des Menschen [wirkt], [und] dort so ganz und so tief von ihm verstanden [wird] als eine ganz allgemeine Sprache, deren Deutlichkeit sogar die der anschaulichen Welt selbst übertrifft“, wie Schopenhauer schreibt. Gleichwie ein Bild oder ein Gedicht ist die Kunst eine Ausdrucksform einer Begebenheit. In ihr wird das Innerste unseres Wesens wiedergegeben, das, was ohne die bloß vorgestellte Wirklichkeit ist, und somit auch von jeglicher Qual befreit. Musik beschreibt keine Vorstellung, sondern nur das was unmittelbar in uns ist: unseren Willen, das „Allerernsteste“. Dass in ihr viel mehr zum Ausdruck kommt, als wir beim ersten Hören überhaupt erfassen können, bezeugt sich laut Schopenhauer sogar durch die entwickelten Repetitionszeichen. Das „Da Capo“, mit dem die Wiederholung des Satzes angekündigt wird, nimmt sich dessen an und lässt uns die Tonwelt erneut gründlicher hören. Die Melodie gibt die tausenden Regungen unseres innersten Willens wieder. Wir Menschen wissen dies nur mit einem einzigen spärlichen Begriff zu kennzeichnen: Gefühl. Die Musik malt das besonnene Leben und Streben des Menschen, stellt dies in einem bedeutungsvollen Zusammenhang dar, erzählt die geheimsten Geschichten und betrifft jede Bewegung des Willens, erläutert Schopenhauer. So finden wir in der Musik die Erlösung, da sie uns von unseren individualen Qualen löst, uns von unseren persönlichen Vorstellungen ablenkt und uns den klaren Zugang zu unserem Innersten ermöglicht. Sie müssen mit Schopenhauers Gedanken nicht einverstanden sein, es lebt sich wohl auch besser, wenn sie dies nicht sind. Allerdings ist seinen Ausführungen zur Musik doch so einiges abzugewinnen, oder nicht? Haben nicht auch Sie sich schon in einer Melodie verloren, die ihr Herz ansprach und sie von all dem Drumherum löste, Sie gar in einen meditativen Zustand versetzte? Bob Marley scheint dies auf jeden Fall erlebt zu haben.