LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Neu auf CD: „Afrodeezia“ von Marcus Miller

Wie der Titel der CD heißt auch die momentan stattfindende Europatour, mit Zwischenstation am vergangenen 20. April in Luxemburg, der sechsköpfigen Band des schon fast legendären Multiinstrumentalisten Marcus Miller, der aber vor allem durch sein einzigartiges, virtuoses Bassspiel nicht nur in der Jazzszene, sondern als Globalplayer ein Begriff ist.

Miller, der in den 1980er Jahren unter anderem durch seine Produktionen „Tutu“ und „Siesta“ mit dem Altstar Miles Davis zu Weltruhm gelangte, hat seitdem immer wieder mit unterschiedlichsten Projekten die Aufmerksamkeit der internationalen Jazzfangemeinde auf sich gezogen.

Mit „Afrodeezia“ ist Miller ein Meistercoup gelungen, der nicht nur durch die exzellente Auswahl der zahlreichen Gueststars und der stilistischen Vielfalt des perfekt durchdachten Konzepts mit breit gefächerter musikalischer Thematik besticht, sondern die individuelle Aussagekraft der einzelnen Stationen einer außerordentlichen musikalischen Weltreise perfekt beleuchtet.

Anregende Improvisationen

So entführt der „Unesco“-Botschafter in Sachen „Slave Route Project“ auf seinem neusten Album auf eine märchenhafte Traumreise durch faszinierende Klanglandschaften. In gefühlvollen intensiven Arrangements, wo äußerst anregende Improvisationen im wohlproportionierten Wechsel mit faszinierenden kollektiven Soundcollagen stehen, bietet jede Komposition eine individuelle, dem Charakter des jeweiligen Stils angepasste Atmosphäre, alles fernab von der heute handelsüblichen Berieselung durch Softjazz und Loungeambiente.

Miller vermittelt gekonnt ein intensives, zeitloses Wellnessfeeling mit einem Touch Worldmusic, versehen mit traditionellen folkloristischen Mustern und der typischen Stilidentität der jeweiligen Länder, die der Initiator auf seinen Reisen durch Westafrika, Südamerika, Europa und die USA sammelte. Im Bereich der jazzorientierten U-Musik haben wir es hier zweifellos mit einer der gelungensten und aufregendsten Produktionen der letzten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, zu tun. Hier stimmt einfach alles.

Groovender Einstieg

Nach der groovenden Einstiegsnummer „Hylife“, wo Miller gleich mit seinen virtuosen Bassriffs dominiert, stellt er sich mit der afrikanischen „Guembri“, einem „Urahn der Bassgitarre“ - O-Ton Miller - , auf eher exotische Klänge ein, ehe der Multiinstrumentalist sich dann in dem hymnischen „Preacher’s Kid“ nach einer wunderbaren, sentimentalen Chorgesangseinlage mit emotionalen Melodielinien auf der Bassklarinette vorstellt. Bei dieser Nummer ist auch ein bemerkenswertes Orgelsolo von Cory Henry zu hören. Dann folgt zur Abwechslung mit „We were There“ ein mitreißende brasilianischer Exkurs der Extraklasse mit einem bewegenden Solo von Saxofonist Alex Han, der auch in Luxemburg für euphorische Momente sorgte.

Gastsolist Ambroise Akinmusire

Mit einer kurzweiligen Version des Popklassiker „Papa Was A Rolling Stone“ würdigt Arrangeur Miller der Stadt Detroit, um dann mit „I Still Believe I Hear“, einer Komposition von Georges Bizet, eine bezaubernde nostalgische Stimmung mit einem gefühlvollen Cellosolo von Ben Hong und delikaten Einwürfen des Leader auf dem „Fretless Bass“ hervorzuzaubern.

Auf dem wieder afrikanisch anmutenden „Xtraordinary“ entpuppt Miller sich als extraordinärer Pianist, ohne aber seine berühmten, mit einzigartiger Leichtigkeit gespielten Bassphrasen zu vernachlässigen.

Gastsolist bei „Water Dancer“ ist der momentan meist gefragte Trompeter Ambroise Akinmusire mit einer fesselnden Soloeinlage, gefolgt wiederum von einer atemberaubenden Improvisation von Alex Han auf dem Altosaxofon, schillernden Passagen des spektakulären Gitarristen Adam Agati und einem besonders anregenden Bassolo, untermalt von effektvollen Perkussionseinlagen. Abschließend präsentiert Marcus Miller sich noch einmal wie in alten Miles Daviszeiten als Orchestermensch, spielt neben der „Guembri“ und seiner Bassgitarre auch den Bassklarinettenpart und übernimmt die Backgroundrollen von Fender Rhodespiano und Synthesizern. „Afrodeezia“, ohne Zweifel eine der relevantesten Produktionen der Saison, ist ein absolutes Muss für Ferventen von origineller, zeitloser Worldmusic und eine willkommene Ersatzbefriedigung für alle, die das Konzert vom 20. April in der Rockhal verpasst haben.