LUXEMBURG-KIRCHBERG
GERHARD KLUTH

Die San Francisco Symphony unter der Leitung von Michael Tilson Thomas in der Philharmonie

Stehende Ovationen und minutenlange Bravorufe, das erlebt man nicht so oft bei Konzerten, in denen „nur“ eine Sinfonie aufgeführt wird. Auf dem Kirchberg war es am Sonntagabend so und es war in vollem Umfang gerechtfertigt. Was das Publikum vor diesen Begeisterungsstürmen erleben konnte, waren Momente tiefster Innigkeit, größter Erregung, machtvoller Erhabenheit und beeindruckender Demut.

Die Rede ist von der Sinfonie in d-Moll von Gustav Mahler, mit der die San Francisco Symphony in der Luxemburger Philharmonie gastierte. Ein Klangkörper, vor dem schon viele große Dirigenten standen und es durch die Notenwelt führten. Beim Besuch im Großherzogtum kamen die Amerikaner mit Michael Tilson Thomas (MTT), der seit 20 Jahren ihr musikalischer Direktor ist. Eine lange Zeit, die davon zeugt, wie gut sich Musiker und Dirigent verstehen.

105 Minuten für sechs Sätze

Mahler komponierte seine dritte Sinfonie in den Jahren 1895/96, jedoch wurde sie erst 1902 im niederrheinischen Krefeld uraufgeführt. Alleine schon von den Dimensionen sprengte sie alles, was es bis dahin gegeben hatte. 60, 80 oder auch 90 Minuten hatte es schon gegeben. Aber 105 Minuten für eine Sinfonie die in sechs Sätze aufgeteilt war, das war etwas Neues.

Und auch besetzungsmäßig sprengt dieses Werk einiges. So schreibt Mahler etwa acht Hörner und vier Fagotte vor. Es ist schon eine Kunst, die Spannung über einen so langen Zeitraum bei Musikern und Publikum zu halten, nicht in sich zusammenbrechen zu lassen. Mahler war dies in Krefeld gelungen und MTT in Luxemburg auch. Er führte gleichsam das ausverkaufte Haus durch die Sinfonie wie durch eine Geschichte, die alle emotionalen Färbungen enthält, die das menschliche Leben ausmacht.

Mahler entwickelte in dieser Sinfonie seine ganz eigene Sicht der Welt und mit den Musikern aus Amerika und MTT an ihrer Spitze hatte er glänzende Sachwalter für die Darstellung. Feingliedrig arbeiteten sie die einzelnen Aspekte aus der Notenschrift heraus, ohne dabei den Blick für das Ganze zu verlieren. Auch wenn man dieses gewaltige Opus schon einige Male gehört hatte, war es doch neu, war man gespannt, wie es wohl weiter geht.

Cooke mit zwei Chören

Waren die ersten drei Sätze für sich schon ein Erlebnis, so sollte sich dies in den Sätzen vier und fünf durch die Mezzosopranistin Sasha Cooke, dem Frauenchor des Chœur symphonique de la Grande Région sowie die Pueri Cantores des Luxemburger Konservatoriums noch steigern. Die Chöre waren bestens vorbereitet und arbeiteten nahtlos mit dem riesigen Orchester zusammen. Cooke glänzte mit einer ans traumhafte grenzenden Stimme.

Sowohl die Solistin als auch die Chöre übernahmen die aussagestarke Interpretation, fühlten sich ein in die Gedankenwelt von Mahler und von MTT, wodurch die Musik zu etwas wurde, das schlicht unter die Haut ging. Alles wurde am Ende im sechsten Satz, jetzt wieder rein orchestral, zusammengefasst, strebte dem Finale entgegen. Erschütternd und befreiend zugleich. Große Musik lag hier in den Händen von großen Musikern. Da wunderte es nicht mehr, dass sich die Begeisterung am Ende ihre Bahn brach.