LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Orientierungsdebatte Mobilität - Bausch will Verknüpfung von Landes- und Verkehrsplanung

Am 19. April wird sich die Abgeordnetenkammer mit Luxemburgs drängendstem Problem beschäftigen - mit der Mobilität. In der geplanten Orientierungsdebatte geht es für Nachhaltigkeits- und Infrastrukturminister François Bausch (déi Gréng) um die Frage aller Fragen: „Wie kann man das Wirtschaftswachstum Luxemburgs von einer Zunahme des Straßenverkehrs entkoppeln.“ Gestern stellte Bausch die Überlegungen und Erkenntnisse seines Ministeriums, die sich aus den Ergebnissen der Umfrage „Luxmobil 2017“ speisen, am Morgen der parlamentarischen Nachhaltigkeitskommission und am Nachmittag der Presse vor. Einen Monat nach der Debatte soll dann das Verkehrskonzept „MoDu 2.0“ für die nächsten Jahre vorgestellt werden.

MoDu 2012: Wunschliste abgearbeitet

Bausch lobte das 2012 von der Vorgängerregierung verfasste, und von der Kammer einstimmig angenommene Konzept „MoDu“ weil es erstmals nicht den Individualverkehr in den Mittelpunkt stellte, sondern den Verkehr als modulares System mit verschiedenen Akteuren betrachtete. Er kritisierte, dass sich „MoDu“ damals auf völlig veraltete Daten aus dem Jahr 1996 stützte und mehr eine Wunschliste als ein strategisches Konzept darstellte.

Dennoch seien in den letzten Jahren ein großer Teil der dort vorgeschlagenen Projekte in Angriff genommen worden. So liege allein bei der CFL das Investitionsvolumen für die Jahre 2013 bis 2023 weit über drei Milliarden Euro. Die Trambahn sei zum Teil schon fertig und weiter im Bau. 2019 werde das Überlandbusnetz (RGTR) völlig neu strukturiert, außerdem seien 300 Kilometer weitere Radwege fertiggestellt oder im Bau. Allein die P&R-Kapazitäten der CFL würden zwischen 2018 und 2022 von 6.000 auf 11.000 Stellplätze steigen.

Laut Bausch hat das Ur-„MoDu“ den Zeitraum bis 2018 abgedeckt. Das nun anstehende Konzept „MoDu 2.0“ werde für die Jahre 2018 bis 2025 gelten, und danach wird sich vermutlich „MoDu 3.0“ bis 2035 anschließen.

Topaktuelle Daten

Für Bausch ist entscheidend, dass „MoDu 2.0“ auf den topaktuellen Daten der Umfrage „Luxmobil 2017“ beruht. Das zentrale neue Element an „MoDu 2.0“ liegt für Bausch in einer engen Vernetzung mit der Landesplanung - was dringend notwendig sei. Erst ein Wohn- oder Industriegebiet planen und bauen und sich dann später Gedanken über den Verkehrsfluss zu machen, das gehe nicht mehr. Landesplanung sei früher nicht ernst genommen worden.

Bausch bedauerte den Zeitverlust bei vielen Infrastrukturvorhaben aufgrund technischer Diskussionen oder weil sie schlicht verschlafen wurden. Als Beispiel nannte er den Ausbau des Hauptbahnhofs Luxemburgs „… das Nadelöhr im CFL-Netz…“. Jetzt würden im Bahnhof 170 Millionen Euro investiert. Die Regierung habe das Projekt zwar um zehn Jahre vorgezogen, dennoch würde es zehn Jahre zu spät kommen. Lange sei die CFL nicht gehört worden.

Staatliche Mitfahrer-App

Die Planungen müssten in Zukunft darauf hinauslaufen nicht mehr die Zahl der Fahrzeuge, sondern die Zahl der zu transportierenden Personen zugrunde zu legen. Unter anderem hatte die Studie ergeben, dass jeden Tag 250.000 unbesetzte Autoplätze in die Ballungszentren gefahren werden. Um diese für andere Pendler nutzbar zu machen, arbeiten Experten daran, ein staatliches Mitfahrersystem, ähnlich wie Uber, aber nicht kommerziell, zu entwickeln.

Entwicklungsschwerpunkt Südwesten

In einer Studie, deren Ergebnisse allerdings erst im Juni vorliegen sollen, werden neue Projekte für „MoDu 2.0“ untersucht. Neue Verkehrsprojekte werden sich an den Brennpunkten der wirtschaftlichen Entwicklung orientieren. Dabei steht insbesondere die Achse vom Südwesten der Hauptstadt bis nach Esch-Belval im Fokus. Dazu zählen auch Vorhaben wie die „Porte de Hollerich“ oder die Umnutzung der Industriebrachen Schifflingen-Esch. Dort wird für die nächsten 15 Jahre die stärkste wirtschaftliche Entwicklung für Luxemburg erwartet. Hinzu kommt die Frage nach einer Verbindung zwischen den Universitätsstandorten Belval und Luxemburg.

In zehn Jahren: Mit der Straßenbahn nach Belval?

Nach ersten Untersuchungen über das effizienteste Verkehrssystem, die keine technische Variante ausgelassen haben - offenbar wurde selbst die Idee einer Einschienenbahn geprüft - wurde eine Schnellbusverbindung als nicht effektiv genug eingestuft, so Bausch. Stattdessen setzt man auf eine weitere Trambahnverbindung. In einer ersten Etappe von der Hauptstadt bis Steinbrücken/Foetz, dort ist
das Pendleraufkommen sehr hoch, diese könnten dort in die Trambahn Richtung Stadt wechseln. In einer zweiten Bauphase führe die Trasse dann bis Esch-Belval. Zum Einsatz sollen besonders leistungsfähige Trambahnen kommen, die eine Spitzengeschwindigkeit von 100 km/h erreichen können. Am Ende soll es eine Straßenbahnverbindung von Esch/Belval via Place d’Etoile bis zum Kirchberg (und zum Findel) geben.

Bausch erläuterte, dass die Systementscheidung damit schon gefallen sei, die Detailplanungen müssten bald folgen. Er geht von einer Realisierungszeit von zehn bis fünfzehn Jahren aus.

Minister Bausch ist es vielleicht gar nicht bewusst, aber damit ist ein Projekt aus der Versenkung aufgetaucht, das der liberale Transportminister Henri Grethen in der Regierung Juncker/Polfer vorgeschlagen hatte - eine Straßenbahnverbindung nach Esch. Die Pläne verschwanden mit dem Regierungswechsel 2004 sang- und klanglos von der Bildfläche…