Wegen des schönen Wetters ist die Stimmung der Festivaliers und der Teilnehmer am Filmmarkt zur Zeit durchaus positiv, wenn auch wegen eines starken Winds am Freitag einige Palmenäste auf den Straßen landeten.
Nachdem der aus den Medien sehr bekannte Pierre Lescure den langjährigen Präsidenten Gilles Jakob ablöste - der „Délégué Général“ Thierry Frémeaux, der letztendlich die Filme auswählt, ist derselbe - sind vielleicht doch einige Neuerungen zu erwarten.
So sind ein paar unbekanntere Namen mehr auf dem Programm und schon der Eröffnungsfilm, normalerweise eine leichte Komödie, war diesmal ein sehr ernster Film: „La Tête Haute“ über einen vernachlässigten und straffälligen Jungen von der Französin Emmanuelle Bercot, die sonst auch noch Schauspielerin und Szenaristin ist, eine der neuen Hoffnungen des französischen Films. Catherine Deneuve spielt darin eine verständnisvolle Richterin. Bercots These, vielleicht ein bisschen rosig, lautet, wenn die Eltern in der Erziehung versagen, muss der Staat oder die Gesellschaft diese Rolle übernehmen, was der Film sehr schön zeigt, was der Realität in Frankreich allerdings kaum entspricht.
Trister und depressiver Philosophieprofessor
Einige erwartete „Highlights“ waren schon zu sehen, so George Millers vierter Mad Max, „Mad Max: Fury Road“, absolut spektakulär, aber eigentlich ist der Film nur ein immenses Videospiel, das der inzwischen siebzigjährige Australier wirklich gekonnt inszenierte.
Weniger überzeugend, wenn auch zur Unterhaltung durchaus angenehm, ebenfalls außer Wettbewerb, der neue Woody Allen, über einen tristen und depressiven amerikanischen Philosophieprofessor, der einen Mord begeht. Dostoiewskis Schuld und Sühne liegt in „Irrational Man“ auf dem Tisch und hat Allen nicht zu einem Meisterwerk inspiriert. Schon spricht man in Cannes von einigen erwarteten Skandalfilmen. Gus van Sant im Wettbewerb wird da genannt und der auf Skandale abonnierte Gaspar Noë mit „Love“. Nanni Moretti, Todd Haynes und Paolo Sorrentino könnten interessant sein, aber in jedem Fall wartet man hier bei einer Jury unter dem Vorsitz der Brüder Coen auf einen zumindest nicht sehr normalen Palmarès. Luxemburg wird zwar nicht im Wettbewerb aber doch mit einigen Koproduktionen dabei sein, etwa „Le Tout Nouveau Testament“ von Jaco van Dormael und mit „Amnesia“ von Barbet Schroeder. In den Nebensektionen war vor allem der Eröffnungsabend der vom französischen Regisseurverband veranstalteten „Quinzaine des Réalisateurs“ ein großer Erfolg. Zunächst eine Ehrung mit der „Carosse d’Or“ für das Werk des chinesischen Regisseurs Jia Zhang-Ke, der sein Land an der offiziellen Propaganda vorbei immer realitätsnah und interpretierend gezeigt hat, in einem seiner Filme sogar als miniaturisierten Vergnügungspark und der diesmal auch im Wettbewerb ist. Jia Zhang-Ke bedankte sich, da er mit nun 45 Jahren verstehe, dass er sich nicht getäuscht habe. Vor allem aber dankte er dem Kino, weil das Kino ihm immer den Mut gegeben habe, weiterzumachen.
Und dann „L’Ombre des Femmes“ von Philippe Garrel über einen jungen Regisseur, der seine Frau regelmäßig betrügt, aber total durchdreht als er erfährt, dass auch seine Frau einen Freund hat.
Der Schwarzweißfilm mit der Prinzessin Clothilde Coureau verklärt das Thema völlig, manchmal wähnt man sich vierzig Jahre zurück, dann wieder zeitlos. Der unheimlich lange Applaus belohnte sowohl einen gelungenen Film wie auch Philippe Garrel, selbst eine Legende des unabhängigen Kinos in Frankreich, denn Cannes ist ja nicht nur Glamour, wenn auch die „Montée des marches“ am Abend die Schaulustigen über Stunden in Atem hält.
Claus Rehnig berichtet in diesem Jahr
für das „Lëtzebuerger Journal“ aus Cannes


