Als der Autor dieser Zeilen Ende 1988 die Uni hinter sich ließ und begann in Luxemburg zu arbeiten, quälte er sich jeden Morgen von Trier aus über ein Stückchen deutsch-luxemburgische Autobahn, ab dem Potaschberg über viel Landstraße in die Stadt hinein. Wohlgemerkt bei erheblich niedrigeren Pendlerzahlen als heute. Auf dem letzten Stückchen konnte man dann dem Affen Zucker geben - solange die Polizei nicht in der Nähe war.
Eine Autobahn führte direkt bis zur Roten Brücke. Rechts und links davon standen auf der einen Seite ein edel gepflegter Gutshof und ein Ford-Händler, auf der anderen Seite gerade einmal zwei oder drei Bankhäuser und die Le-Foyer-Pyramide. Es folgte eine unmotiviert in der Gegend herumstehende futuristische Schwimmhalle. Erst kurz vor Schluss kamen „Héichhaus“ und andere Europa-Gebäude in Sicht. Der Europäische Gerichtshof bestand nur aus einem schönen, aber wie man bald feststellte, Asbest verseuchten Zentralbau. Auch die EIB/BEI beschied sich mit einem Bürohaus. Wäre diese Autobahn abends nicht à la belge beleuchtet gewesen, hätte Europas Teilhauptstadt völlig im Dunklen gelegen.
Alles wirkte auf merkwürdige Art „extra muros“. So wie man im Mittelalter Gerber und Schmiede vor die Stadttore verbannte, weil ihr Gewerbe entweder schlecht roch, also schlicht stank, oder feuergefährlich war. Irgendwie hatte man lange den Eindruck, dass die Kern-Stadt und das Europaviertel nicht zusammengehören. Keine Ahnung warum. Lag es an der Mentalität? Lag es an den Akteuren? Hier Luxemburger, da Banker und Eurokraten?
Die gefühlte Initialzündung für den neuen Kirchberg war das Verschwinden der Autobahn und der Bau des Einkaufscenters Auchan in den 1990ern. Zum ersten Mal gab es etwas auf dem Kirchberg, das auch dem Alltag der Nicht-Banker und Nicht-Eurokraten diente.
Auf die wenigen Häuser des ziemlich versteckte Quartier Kiem folgte jetzt auch endlich der Bau von Wohnungen in der Nähe der Büros und Banken.
Nach einem gewaltigen Sprung in den letzten Jahren ist der Kirchberg s richtig lebendig. Die Lücken schließen sich. Es gibt Läden und Restaurants, gefühlt „schon ewig“ einen Kinopalast und auch die Schwimmhalle muss, dank der „Coque“, nicht mehr alleine in der Gegend herumstehen. Dazu gibt es mehr und mehr Wohnungen - zu Preisen, die den Normalbürger schlucken lassen. Über 7.000 Euro pro Quadratmeter kann nur derjenige zahlen, der zu den Besserverdienenden in den umliegenden Büropalästen gehört.
Mit Krankenhaus, Altenheim, Hotels und Parks ist der Kirchberg schon ein fast normales Viertel, mehr als das: Eine Stadt für sich.
Wenn sich der Kirchberg so weiter entwickelt, wie in den letzten zwei Jahrzehnten, kann es nicht mehr lange dauern, bis der erste sagt „Ich bin vom Kirchberg“ und damit nicht das idyllische Dorf, sondern die internationale Retortenstadt auf dem Kirchberg-Plateau meint.
Dann hätte der Fonds Kirchberg sein Ziel wirklich erreicht.


