LUXEMBURG/ESCH-ALZETTE
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Vor der Luftfahrttripartite: OGBL bezieht Stellung - LCGB und NGL-SNEP veranstalten „Piquet pour l’avenir“

Es ist wichtig, dass die Tripartite noch vor dem Sommer stattfindet“, sagte am Montag bei einer Pressekonferenz in Esch-Alzette die Zentralsekretärin des „Syndicat Aviation civile“ des OGBL Michelle Cloos. Am Dienstagvormittag ab 9.00 treffen sich auf Einladung von Vizepremier und Mobilitäts- und Bautenminister François Bausch (déi gréng) auf Kirchberg die Vertreter der Gewerkschaften OGBL, LCGB und NGL SNEP mit der Regierung - dabei sind auch Arbeitsminister Dan Kersch und Finanzminister Pierre Gramegna - und den Spitzen der Hauptarbeitgeber im Luftfahrtbereich, der durch die Covid-19-Krise in schwere Turbulenzen geraten ist.
Am 22. Mai bereits hatte sich Bausch mit einer Gewerkschaftsdelegation getroffen, bei der „spätestens im Herbst“ eine sektorielle Tripartite ins Auge gefasst  worden war. Das Treffen mit den Arbeitnehmervertretern fand übrigens wenige Tage nach einer parlamentarischen Debatte über die Lage des für Luxemburg besonders strategischen Luftfahrtsektors statt, bei der besonders die Zukunft der Luxair im Fokus stand.
Die Luftfahrtgesellschaft, deren Flotte vom 24. März an bis Anfang Juni praktisch durchgängig am Boden bleiben musste und die mittlerweile mit Gilles Feith auch einen neuen CEO hat, sieht einem harten Jahr entgegen. Wie hart es wird, wollte Michelle Cloos nicht im Detail schildern, die Zahlen seien vertraulich. Allerdings befänden sich bei Luxair noch rund 30 Prozent der rund 3.000 Arbeitnehmer in Kurzarbeit. Seit Monaten müssten manche somit auf 20 Prozent ihres Gehalts verzichten, unterstrich die Gewerkschaftssekretärtin, die aber für eine Beibehaltung der Kurzarbeitsmechanismus plädiert. „Wenn nötig muss er auch über Dezember 2020 hinaus laufen“, sagt Michelle Cloos, vor dem Hintergrund von Prognosen, dass es noch mehrere Jahre dauern könnte, bis der Sektor in etwa wieder auf das Niveau der Vorkrisenzeit zurückt kommt. „Die absolute Priorität muss sein, die Arbeitsplätze in der Branche zu erhalten und eine Sozialkrise zu vermeiden“, unterstreicht Cloos. Rund 6.000 Jobs seien direkt und indirekt im Sektor betroffen, der natürlich eng verflochten ist mit anderen Branchen, in Luxemburg wie auch international.

20.000 bis 25.000 Arbeitsplätze

Laut OGBL müsse man hierzulande von 20.000 bis 25.000 Arbeitsplätzen ausgehen, die von den Turbulenzen in der Luftfahrt erfasst werden könnten. „Wir sprechen also von einem essenziellen Sektor, der im Fokus stehen muss“, so die Gewerkschaftssekretärin. „Wir gehen positiv und konstruktiv in die Diskussion rein“, sagt sie mit Blick auf das Treffen heute morgen und stellt die klare Forderung, dass ihre Gewerkschaft bei jedem Schritt der Ausarbeitung von Zukunftsstrategien in der Branche impliziert werden will. Minister François Bausch hatte bei der erwähnten „Chamber“-Debatte gemeint, er wolle „noch vor dem Sommer“ einen Plan sehen, wie Luxair sich für die kommenden Jahre aufstellen will. Für den OGBL geht es bei der gesamten Diskussion um mehr als um die Wahrung der Arbeitsplätze und Errungenschaften der Arbeitnehmer: es geht auch darum, prekäre Arbeitsverhältnisse in der Luftfahrt zu beseitigen und die Aus- und Weiterbildung zu fördern und zu honorieren.

Kollektivverträge bei Luxair und Luxairport laufen Ende des Jahres aus

Spannend wird auch in diesem Sinne die Neuverhandlung der Kollektivverträge bei Luxair un Luxairport, die Ende des Jahres auslaufen. Der bei der Frachtfluggesellschaft Cargolux läuft noch bis 2022. Erwartet der OGBL Sozialpläne bei diesen Gesellschaften und anderen Akteuren der Luftfahrtbranche? „Niemand hat das Wort bisher in den Mund genommen“, sagt Cloos, die auch auf die direkte und indirekte Präsenz des Staates im Aktionariat der beiden größten Fluggesellschaften am Platz - Luxair und Cargolux - hin. Der Referenzaktionär trage so eine besondere Verantwortung. Die wolle man auch übernehmen, hatte Vizepremier Bausch bei der erwähnten Parlamentsdebatte unterstrichen. Für den OGBL, der in ständigem Kontakt mit dem Gewerkschaftsverbund „European Transport Workers’ Federation“ steht, bei der die Zukunft der Luftfahrtbranche natürlich auch ein zentrales Thema ist, „ist es keine Marktverzerrung, wenn die Staaten den Fluggesellschaften helfen“.  Bis hin zur Nationalisierung müsse alles möglich sein, meint Michelle Cloos, „wir müssen das Liberalisierungsdogma der letzten Jahrzehnte hinter uns lassen“.

„Piquet pour l’avenir"

Die beiden Gewerkschaften LCGB und NGL SNEP wollen sich heute vor der Tripartite auf andere Weise bemerkbar machen: mit einem „Piquet pour l’avenir“ vor dem Mobilitätsministerium auf Kirchberg. Ein Aufruf „zur Solidarität für eine gemeinsame Zukunft der luxemburgischen Luftfahrt“, heißt es in der Einladung. „Wir erwarten klare Zukunftspläne für die Betriebe“, sagte uns gestern LCGB-Gewerkschaftssekretär Paul de Araujo. Der Joberhalt und die nachhaltige Absicherung der Luftfahrtunternehmen sind auch für den christlichen Gewerkschaftsbund die oberste Priorität. Viel Zeit für eine Diskussion scheint es heute morgen nicht zu geben: Minister Bausch will bereits um 11.00 gemeinsam mit den Vertretern von Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern eine Pressekonferenz geben. Dass die Dreiergespräche in der Luftfahrt fortgesetzt werden, scheint bereits klar. •