NIC. DICKEN

Politiker machen prinzipiell nicht gerne Zugeständnisse, besonders dann nicht, wenn es um die eigene Person geht. Und so mochte denn auch Jean-Claude Juncker am vergangenen Samstag vor den RTL-Mikrofonen nur widerwillig durchblicken lassen, dass vielleicht doch nicht alles, was er rückblickend auf seine 30jährige Regierungszugehörigkeit in Erinnerung hatte, unbedingt positiv zu werten sei. Dafür weckte allerdings die mimosenhafte Reaktion auf Kritik auch an seiner Person im Zusammenhang mit der Geheimdienstaffäre andere Erinnerungen an eine Zeit, da nicht die Politiker wie Freiwild durch’s Dorf gejagt wurden, sondern die Unternehmer in Luxemburg, die sich regelrecht kriminalisieren lassen mussten, weil sie - angeblich! - lieber „billige“ Grenzgänger in ihren Betrieben einstellten als Einwohner aus Luxemburg.

Es ist bedauerlich, dass das kollektive Langzeitgedächtnis nur mäßig ausgebildet ist und äußerst lückenhaft funktioniert. Tatsache aber ist und bleibt, dass viele große und kleine Unternehmen regelrecht geprügelt wurden wegen mangelnder Solidarität, obwohl sie selbst kaum auf diesen Begriff zählen konnten, wenn es mal hart auf hart ging. Ein bisschen weniger Theatralik und ein bisschen mehr Rückbesinnung auf eigenes Fehlverhalten seitens des Staatsministers wäre am Samstag also durchaus berechtigt gewesen.

Weil derlei Palaver weder in die eine noch in die andere Richtung ergiebig sind, wollen wir uns denn auch vor allem auf die Herausforderungen konzentrieren, denen wir heute und in noch stärkerem maße ausgesetzt sind. Im Vordergrund, und gewissermaßen als A und O für die Zukunft des Landes stehen die wirtschaftliche Entwicklung und in direkter Verbindung der luxemburgische Arbeitsmarkt. Größtes Problem des Landes ist nach wie vor der Dreisatz aus Berufsbildung, Arbeitsmarkt und Wohnungsmarkt, fast schon ein Teufelskreis, in dem sich immer mehr Menschen vor allem am unteren Ende der Qualifizierungs- und Einkommensleiter eingesperrt fühlen. Mit sehr viel öffentlichem Geld wurde zwar plakativ ein gewisser Aktivismus in Sachen Beschäftigungsmaßnahmen betrieben, der für die Betroffenen jedoch immer wieder in der Sackgasse endete. Mehr noch: die Teilnahme an Beschäftigungsinitiativen der einen oder anderen repräsentativen Gewerkschaft wurde sogar zum offenen Nachteil, wenn es um die Vermittlung in reguläre Beschäftigungsverhältnisse ging.

Im Moment sieht es zumindest so aus, als würde sich endlich der Kreis schließen: nach jahrzehntelanger Irrfahrt scheint sich jetzt doch die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass beschäftigungswirksame Maßnahmen auf dem Arbeitsmarkt und besonders in der beruflichen Aus- und Weiterbildung nur in Kooperation mit jenen Kreisen werden durchsetzen lassen, die dafür die eigentlich erforderlichen Voraussetzungen mitbringen, nämlich mit der Unternehmerwelt aus Industrie, Handwerk, Handel und Gastronomie.

Nach Jahren ideologischer Grabenkämpfe bahnt sich jetzt offensichtlich eine neue Zusammenarbeit an, die endlich auch jenes Maß an Vertrauen erkennen lässt, das unerlässlich ist für eine erfolgreiche Aktion im Interesse der betroffenen Menschen. Die Erkenntnis kommt reichlich spät, aber sie kommt, und das allein ist Grund genug für neue Zuversicht.