Mehrfach wurden in den letzten Jahren offene Zweifel am Fortbestand des Luxemburger Modells geäußert. Dieses scheint in der bisherigen Form nicht mehr so recht in das neue Bild der nationalen Wirtschaft zu passen, die in nie gekanntem Maße auf den Dienstleistungsbereich aufbaut und deshalb berufliche Qualifizierungsnachweise erfordert, die eine wachsende Zahl von Leuten, die in diesem Land leben, nicht mehr erfüllen können. Luxemburg leidet nicht darunter, dass das Modell schlecht war, sondern dass man es auf die deutlich veränderten Gegebenheiten zu applizieren suchte, ohne die dafür erforderlichen Anpassungen im System selbst vorgenommen zu haben. Dazu kommt, dass die enorm gestiegene Zahl von Nichtluxemburgern im eigenen Land und der immer noch wachsende Strom von Grenzgängern aus den Nachbarländern beachtliche Identifizierungsbedürfnisse hervorgerufen hat, auf die bislang nicht in ausreichendem Maße reagiert wurde.

Die Integrationsbestrebungen, die in den letzten Jahren auf unterschiedlichen Ebenen unternommen wurden, haben zwar im gesellschaftlichen Miteinander eine gewisse Entkrampfung bewirken können, im wirtschaftlichen und sozialen Gefüge jedoch bleibt noch vieles im Argen. Dabei sollte die zunehmende Diversifizierung unserer Bevölkerung doch eher die Augen öffnen für das starke Potenzial, das sich daraus ableiten ließe, zumal den Nichtluxemburgern immer mehr die Rolle zufällt, für die wirtschaftliche Entwicklung zu sorgen, weil sich die Leute mit luxemburgischem Pass immer mehr damit begnügen, sozusagen den Wohlstand zu verwalten.

Diese Zweigleisigkeit wird begleitet von einem seit Jahren anhaltenden Zwist der so genannten Sozialpartner, die sich nicht nur über Lösungsmöglichkeiten nicht mehr zu einigen vermögen, sondern sich schon bei der Diagnose in die Haare geraten. Mittlerweile sind die Positionen so festgefahren, dass man sich eine neuerliche einheitliche Linie im wohlverstandenen gemeinsamen Interesse nur noch sehr schwer vorstellen kann. Die Regierung wiederum scheint alles zu tun, um die Fronten weiter zu verhärten, anstatt mehr Sinn für die globalen Realitäten aufzubringen und auf die Konzilianz zu setzen, die nötig sein wird, um die Position von Luxemburg nicht weiter verkommen zu lassen. Noch einen Anlass zu mittel- und längerfristiger Sorge gibt es im Zusammmenleben der verschiedenen Altersgruppen, das durch ein über die Jahrzehnte sorgsam gepflegtes Anspruchsdenken arg in Mitleidenschaft gezogen wird und auf Dauer neue Ausgrenzungen zu provozieren droht.

Luxemburg braucht einen neuen Geist, einen neuen Ansporn, wenn das Land seine Zukunftschancen wahren soll und älteren wie jüngeren Bürgern eine vernünftige Befriedigung ihrer Erwartungen und Hoffnungen in Aussicht stellen will. Die Klientelpolitik, die mehr und mehr zum Richtwert des politischen Handelns geworden ist, kann sicher nicht als der Weisheit letzter Schluss angesehen werden. Gefordert sind Einsicht, Mut und Entschlossenheit zu handeln. Damit, auch damit, kann man Menschen überzeugen, auch wenn es dem einen oder anderen nicht auf Anhieb einleuchten mag. Weiteres Taktieren und Zagen führt nur noch weiter in die Sackgasse.