LUXEMBURG/SANKT GALLEN
CORDELIA CHATON

Von Pakistan über Harvard an die Wall Street: Wie Ayesha Khanna zur Mitgründerin eines führenden KI-Unternehmens wurde, das bei Transportfragen und FinTech berät

Ayesha Khanna gehört zu den ganz großen Namen beim Thema Künstliche Intelligenz. Ihr Unternehmen „ADDO AI“, das sie gemeinsam mit anderen 2017 gegründet hat, wurde vom „Forbes-Magazin“ zu den Top vier in ganz Asien gerechnet. Beim Symposium in Sankt Gallen stand Khanna Unternehmern, Studenten und Journalisten Rede und Antwort. Die Schweizer Studienstadt kennt sie nur zu gut. Sie war eine ihrer Stationen auf dem Berufsweg, der von Pakistan über die USA und Europa bis nach Asien führt. Uns hat sie viel über KI und die Wünsche der Unternehmen und Regierungen verraten, die sie begleitet.

Frau Khanna, wie gehen Unternehmen das Thema KI an?

Ayesha Khanna Viele CEOs sind ganz aufgeregt wegen KI. Sie sagen „Lass uns das machen.“ Warum, wissen sie oft nicht. Die Frage des Nutzens ist aber sehr wichtig. Wir haben meist nach drei bis vier Monaten die ersten Resultate und sind noch preiswerter als die meisten anderen Beratungen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Eine große philippinische Versicherung, bei der der Großvater noch mit über 90 Jahren entscheidet, wollte mich engagieren. Er fragte mich, wie die Versicherung durch KI Geld sparen könne. Das musste ich ihm vorrechnen.

Anschließend war er überzeugt. Wir müssen Mehrwert bringen und wir müssen das belegen. Ich bestehe darauf, dass die Leute KI verstehen. Und ich denke auch, dass das interessant ist. Wichtig ist mir auch, dass ich keine Anteile an Unternehmen halte und keine feste Agenda habe. Wir beraten im strategischen Bereich.

Wie sind Sie zum Thema KI gekommen?

Khanna Technik hat mich schon als Kind interessiert. Damals war ich noch in Pakistan, wo ich aufgewachsen bin. Später, nach dem Studium, habe ich mich für Gesundheit und smart cities interessiert und zu Transport promoviert. Jetzt arbeite ich in Asien; in Singapur. Dort gibt es eine Explosion von Daten. Viele CEOs sehen das als Möglichkeit, die Führung gegenüber Unternehmen aus der Europäischen Union zu übernehmen.

Unser Unternehmen hat jetzt über 45 Mitarbeiter. Wir haben viele Kunden, wie die Regierung von Dubai oder Singapore Transport. Aber KI ist ein langsamer, schmerzhafter Prozess, zu dem es einige Mythen gibt. Beispielsweise können wir nicht alle bestehenden Unternehmen ersetzen. Es gibt eine Menge Umbrüche, Disruption.

Was haben Sie im Bereich smart cities gemacht?

Khanna Da geht es um die Themen Technologie und Urbanisation; das beschäftigt die Leute. Bis 2070 wachsen Städte stark weiter. Dadurch steht die Infrastruktur wie Transport oder Polizei unter Druck. Singapur, das ein kleiner Stadtstaat auf einer Insel ist, investiert seit Jahrzehnten in seine Infrastruktur. Jetzt geht es nicht mehr nur darum, sondern auch um die dahinter liegenden Pläne.

Was schlagen Sie vor, um den Transport zu entlasten?

Khanna Wir haben vorgeschlagen, alle Möglichkeiten in einer App zu vereinen. Das Resultat wäre ähnlich wie bei Amazon, die ja auch alles verkaufen. Es gäbe Mobilität als Service. Für Nutzer wäre das ein nahtloser Übergang. Aber die Integration der Dienste auf Basis von Daten ist schwierig.

Sie haben einen gemeinnützigen Verein gegründet, der Mädchen an Technik heranführen soll. Warum?

Khanna Vor fünf Jahren war ein kleines Mädchen auf einem Hackathon. Sie war sehr interessiert. Aber ihre Mutter schob sie zur Seite und zog ihren Sohn vor. „Das interessiert dich nicht“, sagte sie zu ihrer Tochter, obwohl es nicht wahr war. Das hat mich motiviert, den Verein zu gründen. Mädchen sind vielleicht oft zurückhaltender, aber das bedeutet nicht, dass sie nicht interessiert sind.

Wir bieten Programmierworkshops für Teenager und Gratis-Programmierkurse an. Es ist ein Google-Kurs, den wir ergänzt haben. Wir haben auch ein FinTech-Camp veranstaltet und „Coding Clubs“ gegründet. Wir laden Sprecherinnen aus dem Technologie-Bereich zu Vorträgen ein und vieles mehr.

Welche Rolle spielt Datenschutz in Asien?

Khanna Wir befolgen die GDPR-Richtlinie und achten sehr auf Datenschutz. Auch auf den Philippinen gibt es Datenschutzregeln, und in anderen Ländern wächst die Besorgnis. In Asien ist Datenschutz ein Thema. Eine Sonderstellung nimmt da China ein, die eine andere Sicht darauf haben. Aber in Malaysia, auf den Philippinen und in Singapur ist die Gesetzgebung stark an die europäische Richtlinie angelehnt.

Gibt es da keine Grauzonen?

Khanna Die gibt es schon. Wenn eine Plattform beispielsweise die E-Scooterbewegungen verfolgt, dann hat diese Plattform auch Daten zu den Nutzern. Diese Daten sind für die Regierung gedacht. Wir hatten Anfragen von Shopping-Centern, um Kameras zur kommerziellen Nutzung und Auswertung zu installieren. Das wollte die Regierung nicht. Denn die Frage „Wem gehören die Daten?“ ist dann die Schlüsselfrage. Im Gesundheitsbereich ist es ganz ähnlich. Dort sind die Daten sehr sensibel. Estland ist da sehr weit. Das ist meist so in Ländern mit einer Cyber-Security-Geschichte.

Waren Sie selbst wegen einer solchen Entscheidung schon mal in der Zwickmühle?

Khanna Ganz am Anfang, als wir Kunden suchten, gab es eine konkrete Situation. Ein Arzt wollte psychometrische Spiele für Patienten machen. Doch man trug mir zu, der Arzt stehe im Ruf, unnötige Medikamente zu verschreiben. Da habe ich mich zurückgezogen.