LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Triftige Gründe, sich treffsicher nicht zu treffen

Ich habe keine Zeit! Wofür, mag man sich fragen. Tja, ich weiß es auch nicht. Aber der Satz passt immer. Macht einen guten Eindruck. Stellen Sie sich vor, ich hätte behauptet, ich hätte immer Zeit. Nein, das ginge doch nicht, da würden Sie ja von mir denken, ich hätte den ganzen Tag über nichts zu tun. Der Mensch des 21. Jahrhunderts hat keine Zeit, Punkt, fertig, aus.

Prioritäten setzen

Insbesondere für Verabredungen mit Freunden fehlt die Zeit. Das konnte ich im Rahmen meiner letzten germanistischen Seminararbeit nachweisen, in der ich rund 50 private Textnachrichten, in denen 30 Treffen vereinbart wurden, linguistisch und inhaltlich untersucht habe.

Wenn wir nicht explizit von der Zeit sprechen, dann „können wir nicht“, dann „geht“ oder „passt“ „es“ nicht oder „es“ „sieht schlecht aus“. Wer dieses Subjekt namens „es“ ist, das kann ich leider auch nicht sagen. Aber ich denke mal, dass damit das Schicksal gemeint ist, irgendeine höhere Gewalt. Ich jedenfalls nicht. Ich kann nichts dafür, dass ich keine Zeit habe. Nicht ich habe keine Zeit, „es“ hat keine Zeit. So wie „es“ halt schneit, regnet und mich fröstelt. Gegen – ja, Moment, was war denn nochmal? – ach ja, Karneval, gegen Karneval kann ich nichts ausrichten. (Ja, in den untersuchten Belegen wurde tatsächlich auch Karneval als Absagegrund genannt.) Das nimmt mir sicher niemand übel, denn jeder weiß, dass Karneval absolute Priorität hat.

Um das zu unterstreichen, sage ich: „Da kann ich nicht absagen“. Mit der Betonung auf „da“. Denn dir kann ich sehr wohl absagen. Wegen „da“, wegen Karneval.

Ganz schön bockig

Ob ich „Zeit und Lust“ habe, hast Du mich gefragt? Du weißt doch, dass es an der Lust niemals scheitert. Lust habe ich im Überfluss, in der Lust- und Spaßgesellschaft. Deshalb sage ich ganz brav: „Lust hätte ich“. Ja, „hätte“. Im Konjunktiv II! Und dann füge noch ich ein dickes „aber“ an, man wird es schon erahnen: „Ich habe keine Zeit“. Das ergibt sinngemäß: „Ich hätte Lust – aktuell habe ich keine –, aber keine Zeit.“ „Keine Zeit“ bezieht sich in dem Fall ebenfalls auf das „hätte“ und das „hätte“ wiederum steht für eine fiktive, hypothetische Welt abseits der Wirklichkeit. Anders ausgedrückt: In dieser irrealen Welt hätte ich zwar Lust, aber obwohl ich Lust hätte, hätte ich immer noch keine Zeit.

Hm, müsstest Du da nicht stutzig werden? Hallohoo, das ist eine Wunsch-, eine Traumwelt! Warum habe ich nicht einmal dort Zeit für dich, wo mir in den Gefilden des Konjunktivs II doch alles möglich und erreichbar ist? Nun, die Sache lässt sich ganz einfach auflösen: „Ich hätte Lust, aber keine Zeit“ ist ein Euphemismus und bedeutet nichts anderes als: „Nein, kein Bock“. Aber „kein Bock“ darf man nicht sagen. Die Zeit ist der Sünden-„Bock“ für den fehlenden „Bock“, und das soll auch schön so bleiben.

Der Spontanverchecker

Letztlich ist es nicht verwunderlich, dass fast die Hälfte der untersuchten Treffen gar nicht zustande kam. Wenn sie nicht bereits bei der Planung scheiterten, dann wurde ganz „vercheckt“, dass doch noch was viel Cooleres ansteht, oder „es“ „ging“ oder „konnte“ doch nicht.

Diese geringe „Treffenquote“ führt dazu, dass bei der Planung Termin und Treffpunkt grundsätzlich nicht von einer Person bestimmt werden, sondern dass diese heute ausgiebig, in mehreren Etappen, verhandelt werden, wie bei einem politischen Gipfeltreffen. Solche Verhandlungen sind bekanntlich nicht immer ergiebig und obwohl es anfangs so scheint, als wäre man sich einig geworden, entpuppt sich diese Einstimmung im Nachhinein nicht selten als Schimäre …

Hinzu kommen Verspätungen oder Terminverschiebungen, die auf den letzten Drücker mitgeteilt werden. Spontaneität scheint das Motto zu sein, obwohl diese mit dem Zeitmangel eigentlich nur schwer in Einklang zu bringen ist.

Glasfaserkabel vs. Boten

Nun stellen diese langen Verhandlungen und die Spontaneität für das schnelle und kostenlose Kommunikationsmedium der Instant-Messenger kein Problem dar. Doch stellen Sie sich einmal vor, man hätte im Mittelalter ebenfalls so verfahren wollen. Ein Brief hätte, das überliefert eine Quelle, im Durchschnitt 1,5 Gulden gekostet, das entspricht, der Kaufkraft im Mittelalter entsprechend, etwa 500 Euro. Von diesem Geld können wir uns heute ein Smartphone oder Laptop kaufen und quasi unbegrenzt Nachrichten verschicken. Ein Bote kam täglich, je nach Wetterverhältnis, Beschaffenheit der Wege und Grad seiner Motivation, 25 bis 30 Kilometer zu Fuß und 50 Kilometer zu Pferd voran. Da können wir mit unserem Glasfaserkabelnetz nur lachen. Abgesehen davon konnte die Masse der Bevölkerung weder lesen noch schreiben; Emoticons als Alphabet gab es noch nicht. Sie hätten den Text diktieren beziehungsweise vortragen lassen müssen. Doch nicht jeder, der heute ein Smartphone besitzt, hätte früher die Dienste eines Boten in Anspruch nehmen können.

Ok, vermutlich hat man sich einfach mündlich verabredet. Aber sag mal mündlich Bescheid, dass Du zu spät kommst, dafür müsstest Du ja pünktlich an Ort und Stelle sein, und dann wieder gehen, um später – zu spät – zurückzukommen. Das wäre doch viel zu umständlich!

Nein, die Menschen im Mittelalter hätten ihre Treffen nicht so planen können, wie wir heute. Aber sie hätten sicher Zeit und „Bock“ gehabt, sehr viel mehr Zeit als wir, in ihrer Welt ohne Karneval.