LUXEMBURG
ROLAND KOLBER

Psychiatrie und Politik in Luxemburg von 2018 bis 2023, das sind elf Zeilen in einem Koalitionsvertrag von 246 Seiten. Die darin enthaltenen Aussagen müssen dennoch dringend in reelle Maßnahmen und Handlungen umgesetzt werden, um die aktuelle Situation zu verbessern, sagt Roland Kolber, Direktionsbeauftragter vom „Mutferter Haff“.

„Wollen Sie heute bei einem akuten psychiatrischen Krankheitsfall einen Termin bei einem Psychiater, müssen Sie drei bis sechs Monate warten. Tagesstätten in den ,Hôpitaux de jour‘ sowie außerklinische ,Centres de jour‘ sind ständig voll ausgelastet. Wollen Sie, nach einem akuten Krankheitsmoment gesundheitlich wieder stabilisiert, einen Platz in einer therapeutischen Werkstatt, müssen Sie zwei bis vier Jahre warten. Wollen Sie eine betreute Wohnung, müssen Sie sich auch gedulden. Die Anzahl der verfügbaren Wohnungen ist begrenzt und stets voll besetzt, mit einer beschränkten Aufenthaltsdauer. Alternative sinnvolle psychiatrische Behandlungsmöglichkeiten mit wenigen Medikamenten suchen Sie vergeblich in unserem Land.

Keinen Arzt, keine Nachbetreuung in einer Tagesstruktur, keine Wohnung, keine Arbeit zu finden, das führt letztlich in Obdachlosenstrukturen, die in Luxemburg über 70 Prozent Menschen mit psychiatrischen Krankheiten aufnehmen. Diese Betreuungsstrukturen haben allerdings fast gar keinen Kontakt zu bestehenden psychiatrischen Institutionen. Die Anzahl der von der Gesundheitskasse finanzierten beschützten Wohnungen ist begrenzt.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen akuten Blinddarm-Vorfall und müssten sofort operiert werden, dies dann aber eigenständig finanzieren, weil die maximale, von der Gesundheitskasse übernommene Anzahl von Blinddarmoperationen überschritten ist. Undenkbar, aber in Luxemburg im Rahmen psychiatrischer Betreuung Standard.

Therapeutische Werkstätten bieten Arbeitsplätze als rehabilitative Maßnahmen im Rahmen einer psychiatrischen Behandlung an. Stellen Sie sich vor, Sie bräuchten nach einer Herz-OP dringend einen Rehabilitationsplatz und müssten einige Jahre Wartezeit in Kauf nehmen, dann hätte diese Maßnahme ihren Sinn verloren, weil sie entweder keinen solchen Platz mehr brauchen, oder… an den Folgen dieses Eingriffs verstorben sind.

Ein weiterer Punkt: Es gibt bei chronischen und langwierigen psychiatrischen Erkrankungen, im Gegensatz zu somatischen Erkrankungen (wie Diabetes) keine hundertprozentige Rückerstattung der notwendigen Medikamente durch die Gesundheitskasse. Verwunderlich für Luxemburg ist zudem, dass die Bezieher des REVIS (vorher RMG) die öffentlichen Transportmittel gratis nutzen können, während Menschen mit einer psychiatrischen Erkrankung und dem Behindertenstatus davon entweder gar nicht oder nur durch einen oft erniedrigenden behördlichen Spießrutenlauf profitieren können.

In Luxemburg hat sich wohl seit den 90er Jahren vieles bewegt: Herabsetzung der Klinikbetten, psychiatrische Abteilungen in allen Allgemeinkrankenhäusern, Ausbau der therapeutischen Werkstätten, Ausbau der außerklinischen Betreuungsstrukturen, Kinder- und Jugendpsychiatrische Betreuung... Aber dann kam es wieder zum Stillstand! Seit vielen Jahren passiert nur wenig, beziehungsweise gar nichts. Aber mit dem Anstieg der Bevölkerung steigt auch die Anzahl der Menschen mit psychiatrischen Problemen und eine Wiederaufnahme der Reformbewegung ist dringend erforderlich.

Eine transparente, konkrete, effiziente, inklusive, langjährige, nachhaltige, mit Einbindung aller (auch der Betroffenen und ihrer Familienangehörigen) erarbeitete psychiatrische Gesundheitspolitik wird dringend gebraucht.“