LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Kerstin Lauer ist Chefin des Ford-Werks in Saarlouis mit rund 6.000 Mitarbeitern

Kerstin Lauer ist unprätentiös, präzise, hartnäckig und freundlich. Seit zwei Jahren ist die 50-Jährige Chefin vom Ford-Werk Saarlouis mit etwas mehr als 6.000 Mitarbeitern. Wie das ist und wie sie dorthin gekommen ist, erzählte sie den Luxemburger Unternehmerinnen während einer Konferenz des Unternehmerinnenverbandes „Fédération des Femmes Cheffes d’Entreprise du Luxembourg“ (FFCEL) vergangen Woche in den Räumen des Autohauses Pirsch in Esch. Wir haben bei der Autofrau nachgehakt.

Frau Lauer, Sie haben am Fließband angefangen und sind heute Diplom-Ingenieurin. Eine Karriere, von der viele träumen, andere sorgen sich, als Frau in einer Männerwelt zu arbeiten.

Kerstin Lauer Ich habe nie über Männerwelten nachgedacht. Es ist meine Welt. Ich bin da reingewachsen. Als Lehrling habe ich 1983 angefangen und nach meiner Lehre im Schichtbetrieb Türen zusammenmontiert. Nach zwei oder drei Tagen habe ich davon geträumt. Die Kollegen haben mir geholfen, vor allem ein Kollege aus meiner Arbeitsgruppe, dem das Geschlecht seiner Kollegen völlig egal war. Wir waren zwanzig Auszubildende, davon zwei Frauen. Ich hatte damals die mittlere Reife und machte eine Lehre als Elektrotechnikerin. Aber dann wollte ich mehr. So habe ich Abendkurse belegt, anders ging das ja nicht. Dann bestand ich das Fachabitur. Ich wollte mehr wissen. So habe ich die Technikerschule gemacht, immer abends. Dann wollte ich mehr, habe auf Spätschicht gearbeitet und war vormittags an der Uni - während der Frühschichtwochen konnte ich die Vorlesungen gar nicht besuchen und daher am Wochenende den Stoff aufarbeiten. Aber das war zu hart. Also habe ich zu einem Trick gegriffen.

Was haben Sie getan?

Lauer Ich sagte, ich wollte nach Australien, weil ich dachte, dass ich das Uni-Pensum sonst nicht schaffe. Meine Professoren hatten nicht immer Verständnis für mich, die wussten ja nicht, wie es ist, am Band zu stehen. Für die Reise wollte ich zwei Monate Urlaub haben. Die habe ich auch bekommen. So habe ich die ersten Klausuren bestanden und dann nach fast zehn Jahren bei Ford gekündigt. In der Firma gab es kein Programm, das auf mich passte, sonst wäre ich geblieben. Als ich fertig war, habe ich fünf Bewerbungen verschickt, eine davon an Ford. So bin ich zurückgekommen nach Saarlouis. Aber ich wollte ins Ausland.

Wie haben Sie das gemacht?

Lauer Es gab eine Kooperation zwischen Ford und einer britischen Universität. Aber mein Chef sagte: Nein, Kerstin, Du kannst nicht weg, wir haben einen Modell-Wechsel. Als er dann im Urlaub war, habe ich den Area-Manager gefragt. An den zu kommen war gar nicht so einfach. Er machte einen Deal mit mir, bei dem ich auf alle Freischichten verzichten und einige Überstunden schieben musste. Aber es war durch. Allerdings war es sehr stressig, zwei Wochen Uni, sechs Wochen lernen zu Hause, Tests, dann das nächste Modul. So bin ich Qualitätsverantwortliche für die Fahrzeugauslieferung geworden und war erstmals für 80 Kollegen zuständig. Das musste ich auch erstmal lernen.

Sie haben dann Karriere gemacht.

Lauer Es war ein internationaler Weg, über Detroit, Saarlouis, Bordeaux, London-Greenwich. Das ist nicht immer leicht, wegen der Familie und den Freunden, aber auch, weil die sagen: Oh, Du hast es gut, du reist viel. Aber wenn ich zu einer Konferenz nach Valencia fuhr, die morgens begann und dann abends fertig war, der Flieger ausfiel und ich im nächsten Tag mit betrunkenen Kegelbrüdern in der Maschine saß und um 4.00 morgens zu Hause war, war das nicht so prickelnd. Diese Situationen muss man mögen. Dennoch: Man muss für eine solche Karriere bereit sein. Für mich war es immer wichtig zu verstehen, wie Dinge funktionieren. Ich habe nie über den nächsten Job nachgedacht. Aber ich bin auch froh, dass ich jetzt da bin, wo ich bin. Das bringt mal etwas Ruhe ins Leben.
Wie schaffen Sie einen Ausgleich zur beruflichen Belastung?

Lauer Ich versuche, um 7.00 da zu sein und um 18.00 zurück. Das klappt nicht immer. Einmal in der Woche mache ich Yoga, zweimal in der Woche jogge ich. Und ich koche gern. Mit einem Youtube-Video habe ich mir sogar beigebracht, wie man echtes französisches Baguette backt. Mit meinem Mann unternehme ich Reisen jenseits ausgetretener Pfade, beispielsweise nach Australien oder Ecuador. All das entstresst. Auch wenn es komisch klingt: Ich liebe das Leben.

Wie würden Sie mehr Frauen zu einem solchen Weg ermutigen?

Lauer Das ist eine Frage der Erziehung. Ich hatte einen Bruder und meine Eltern haben keinen Unterschied bei den Aufgaben gemacht; egal ob Rasenmähen, Gärtnern, Spülen. Später waren Mathe und Physik meine Lieblingsfächer. Wir haben diesen ‚girls day‘ und da versuche ich immer, Mädchen für Technik zu begeistern. Das klappt ganz gut.