LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Wenn Angst zur Krankheit wird: Startschuss für nationale Sensibilisierungskampagne

In bestimmten Situationen Angst zu verspüren: das kennt jeder. Doch wenn sie überhandnimmt, den Alltag beeinträchtigt und Leid verursacht, dann spricht man von einer krankhaften Angststörung. Über dieses Thema aufklären will eine nationale Sensibilisierungskampagne, für die gestern der Startschuss fiel. Unter dem Motto „Lass uns darüber reden“ verfolgt die Kampagne vier Ziele. „Wir wollen das Wissen über Angststörungen in der Bevölkerung erweitern“, sagte gestern Dr. Elisabeth Seimetz von der „Ligue“. Die für die Kampagne hauptverantwortliche Psychologin erklärte, es ginge darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es sich bei Angststörungen um ernst zu nehmende Krankheiten handelt. Informationen über Symptome und Behandlungsmethoden b zu vermitteln gehört ebenfalls dazu. Auch gegen die Stigmatisierung von Betroffenen soll ein Zeichen gesetzt werden. Oft bekommen die Betroffenen zu hören, sie seien selber schuld an ihrer Lage und sollen doch ihr Leben endlich wieder in den Griff bekommen. „Das entmutigt die Menschen“, meinte Seimetz, was wiederum ihre Bereitschaft mindere, Hilfe aufzusuchen. Eine weitere Botschaft der Kampagne lautet: Je früher Hilfe aufgesucht wird, desto besser.

Eine der häufigsten psychischen Erkrankungen

Angststörungen zählen zu den häufigsten und am meisten unterschätzten psychischen Erkrankungen weltweit. Statistisch gesehen entwickelt jeder Fünfte im Laufe seines Lebens eine Angststörung. Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation haben in 50 Prozent der Fälle die Angststörungen ihren Ursprung vor dem elften Lebensjahr, in drei Viertel der Fälle vor dem 21. Lebensjahr.

Am häufigsten äußern sich Angststörungen in Form von spontan auftretenden Panikattacken, der Angst vor Orten, an denen eine Flucht schwierig wäre (Agoraphobie), soziale Phobien oder Trennungsängsten. Dann gibt es noch spezifische Phobien, etwa vor Tieren, Höhen, Blut oder Feuer oder eine allgemeine Form der Angststörung, die sich häufig dahingehend äußert, dass sich die Betroffenen zu viele Sorgen machen, wie Prof. Charles Pull erklärte. Der Psychiater, Psychologe und Psychotherapeut gilt als Experte auf dem Gebiet der Angststörungen und hat bei der Ausarbeitung der Kampagne mitgeholfen. Zusammen mit seiner Frau Marie-Claire hat er auch das in zwei Sprachen erhältliche Buch „Ich habe Angst“ (J’ai peur) in einer aktualisierten und erweiterten Ausgabe neu herausgegeben. Das rund 270-seite Werk trägt beispielsweise der unter dem Namen „Dritte Welle“ bekannten Verhaltenstherapien Rechnung, in denen Achtsamkeit eine tragende Rolle spielt. Sich zu informieren sei der erste wichtige Schritt, betonte Pull. „Man muss seine Angst kennen, um sie gegen ankämpfen zu können“. Atmungs- und Entspannungsübungen können ein Mittel dafür sein. Als wichtigste Form der Behandlung nannte Pull die Verhaltenstherapie. Unter bestimmten Umständen könnten auch Medikamente helfen, wobei Benzodiazepine, die abhängig machen können, wirklich nur bei Bedarf infrage kommen sollten.

Die neue Sensibilisierungskampagne schreibt sich in den nationalen Suizidpräventionsplan für den Zeitraum von 2015 bis 2019 ein. Das hat seinen Grund, da erwiesen sei, „dass es in verschiedenen Situationen eine enge Verbindung gibt zwischen Angststörung und Suizidversuch gibt“, wie Dr. Juliana D‘Alimonte von der Gesundheitsdirektion des Ministeriums erklärte. Dass solche Aktionen Früchte tragen, konnte sie anhand von Zahlen zur ersten Sensibilisierungsaktion zum Thema Depression nachweisen. Zwischen November 2017 und April 2019 sei die damals eingerichtete Webseite 32.500 Mal aufgerufen worden. Tausende Menschen haben zudem den online verfügbaren Selbsttest ausgefüllt.

Flyer, Wanderexpo, Konferenzen

Herzstück der neuen Kampagne ist die seit gestern aufrufbare Webseite www.prevention-panique.lu, die ebenfalls über Anlaufstellen informiert. Die in fünf Sprachen verfügbaren Flyer und Poster werden ab diesem Monat in Arztpraxen, Krankenhäusern, Apotheken, Schulen, Sozialdiensten sowie anderen Orten ausliegen. Die darauf abgebildeten Motive gehen übrigens auf Einsendungen im Rahmen eines Ende 2018 gestarteten Fotowettbewerb zurück. Sie wurden aus mehr als 300 Einsendungen ausgewählt. 17 Aufnahmen wurden in einer Wanderausstellung gebündelt, die zunächst, ab dem 23. April im hauptstädtischen Bahnhof zu sehen ist. Auch Konferenzabende, Workshops und Filmabende sind im Rahmen der Kampagne geplant. Nicht zuletzt werden die Beteiligten auch in Form einer Roadshow das Gespräch mit Passanten und Interessierten suchen. Um auf diese Weise das Motto der Kampagne mit Leben zu füllen.

www.prevention-panique.lu