LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Seit fünf Jahren leitet Ainhoa Achutegui das Kulturzentrum neimënster, das an diesem Wochenende sein 15. Jubiläum feiert

Am Pfingstwochenende feiert das neimënster seinen 15. Geburtstag mit einem großen Volksfest. Auf etwas mehr als fünf Jahre Amtszeit an der Spitze des Kultur- und Begegnungszentrums kommt Ainhoa Achutegui. Geboren in Caracas, aufgewachsen in Wien, wo sie später Direktorin für Tanz und Theater am „Wiener Werkstätten- und Kulturhaus“ (WUK) war, führte ihr Weg sie 2006 mit gerade einmal 28 Jahren ins Ettelbrücker „Centre des Arts Pluriels“ (CAPE). Mit 35 übernahm sie das Ruder im Stadtgrund. An ihren ersten Besuch „als ganz normale Touristin“ in der „Abbaye de Neumünster“ erinnert sie sich noch genau. „Die Abtei ist ganz klar einer der Hotspots, die man bei einem Urlaub in Luxemburg besucht. Damals hatte das Kulturzentrum gerade geöffnet, und den Ort fand ich gleich beeindruckend“, erklärt sie. Im Gespräch mit dem „Journal“ lässt Ainhoa Achutegui die letzten Jahre Revue passieren.

Foto: Editpress/Tania Feller - Lëtzebuerger Journal
Foto: Editpress/Tania Feller

Was hat Sie damals an dem Posten im neimënster gereizt?

Ainhoa Achutegui Die Arbeit im CAPE war super. So direkt hatte ich keinen Wechsel geplant, aber dann bot sich plötzlich diese Möglichkeit. Langweilig war mir in Ettelbrück nach acht Jahren zwar nicht, dennoch war klar, dass ich irgendwann etwas anderes machen würde, ich wäre aber problemlos noch ein paar Jahre geblieben. Der Abgang von Claude Frisoni kam damals für die ganze Szene überraschend, immerhin war er erst 59. Insgeheim war es schon ein Traum, seine Nachfolgerin zu werden, irgendwann einmal, wenn er in Pension gehen würde. Allerdings hätte ich gedacht, dass das noch einige Jahre dauern würde und ich dann bestimmt schon über 40 wäre (lacht).

War es schwer, in die Fußstapfen von Claude Frisoni zu treten?

Achutegui Nein, es war sogar leicht, weil wir so unterschiedlich sind, einfach total anders, in allem, was uns interessiert. Da ich in nichts mit ihm verglichen werden kann, konnte es nur anders werden. Wenn man nun aber in ein neues Haus mit 45 MitarbeiterInnen kommt, ist natürlich klar, dass eine gewisse Kontinuität bleibt. Vor allem hat das Haus ja auch Missionen und ein Gesetz, das die Richtlinien festhält. Im CAPE war das nicht anders, wenngleich weniger strikt.

Es war also nicht Ihre Absicht, gleich alles umzuändern?

Achutegui Alles umzuschmeißen? Nein, davon abgesehen, dass das Programm für die Saison schon stand, wäre es auch vom gesetzlichen Standpunkt her nicht möglich gewesen. Es ist aber klar, dass es mit einer neuen Person an der Spitze immer zu Prioritätenverlagerungen kommt. Da ich mich für feministische Themen interessiere, habe ich zum Beispiel gleich im ersten Jahr ein Fest zum Internationalen Frauentag (JIF) eingeführt. Große populäre Feste gab es aber immer schon im neimënster, das habe ich also beibehalten, wenngleich beim JIF der Fokus ein etwas anderer ist.

Die visuelle Identität und der Name wurden auch relativ schnell geändert. Als Zeichen, dass Sie einen frischen Wind in die Abtei bringen?

Achutegui Das wäre ein bisschen zu arrogant gewesen. Der Grund war ganz einfach. Mir war nämlich aufgefallen, dass die Leute und die Medien mit unterschiedlichen Namen von diesem Ort sprachen. Deshalb haben wir eine kleine Umfrage bei unserem Publikum durchgeführt, um herauszufinden, wie der Großteil unser Haus denn nun nennt. Das Ergebnis hat mich überrascht, weil es nämlich nicht etwa „Abtei“ war, sondern „Neumünster“ oder „Neimënster“. „Centre culturel de rencontre Abbaye de Neumünster“ oder die Abkürzung CCRN benutzte jedenfalls niemand. Danach haben wir noch bei unseren anderen PartnerInnen, auch im Ausland, nachfragt, und allen gefiel „Neimënster“, weil es so exotisch klingt. Wir wollten einen Markennamen, und den haben wir jetzt.

Sie sind jetzt seit fünf Jahren im Amt. Mit welchen Worten würden Sie diese Zeit beschreiben?

Achutegui Aufregend. Und vielseitig. Diese Vielseitigkeit hatte ich vorher nicht. Noch dazu bin viel politischer unterwegs und werde auch so wahrgenommen. Das war im CAPE nicht der Fall. In diesen fünf Jahren haben wir viele Sachen gemacht, die gewagt waren und die etwas bei den Leuten hinterlassen haben.

Müssen Kunst und Kultur Ihrer Meinung nach immer eine Botschaft vermitteln? Oder anders gefragt: Ist es Ihnen wichtig, engagierte Künstler einzuladen?

Achutegui Beides ist mir jedenfalls wichtig. Ich werde aber niemanden kritisieren, der oder die nur Wert auf eine ästhetische Arbeit legt. Wenn wir hier etwas machen, hat es immer einen bestimmten Grund. Mein Team kennt sich in diesem Kontext gut aus. Alles wird im Vorfeld genau unter die Lupe genommen. Im Klartext: Wenn die Texte eines Sängers oder einer Sängerin sexistisch sind, werde ich diese Person nicht einladen, auch wenn sie total beliebt ist und uns 3.000 Leute bringen würde.

Kommerzielle Sachen gibt es aber schon noch im Programm?

Achutegui Natürlich machen wir noch kommerzielle Sachen und vermieten ja auch den „Parvis“, beispielsweise an den Konzertveranstalter „Den Atelier“, der Bands wie Snow Patrol oder Kraftwerk einlädt. Damit haben wir dann nichts zu tun. Das „Siren’s Call“ organisieren wir dagegen zusammen als Partner. Der Unterhaltungswert spielt nach wie vor eine große Rolle, auch wenn wir auf der anderen Seite Veranstaltungen bieten, bei denen schwierigere Themen angepackt werden, etwa Ausstellungen über die Nürnberger Prozesse oder Nazi-Propaganda. Auch solche Sachen sind vom kulturellen Standpunkt her wichtig, gerade in Zeiten von „Fake News“ und Trump, immerhin gibt es da gewisse Parallelen. Was momentan alles falsch läuft, wird von vielen Menschen zu locker genommen. Darüber muss auch diskutiert werden, deshalb organisieren wir regelmäßig Konferenzen.

Gibt es denn ein ausreichendes Publikum für unbequeme Themen?

Achutegui Die unbequeme Wahrheit will nicht unbedingt jeder sehen. Als öffentliche Institution haben wir aber einen Auftrag, finde ich. Nur reine Unterhaltung bieten, käme nicht in Frage. Es kann übrigens auch beides sein: unterhalten, schön fürs Auge sein und trotzdem eine Botschaft enthalten, also ein Statement sein. Das eine muss das andere nicht ausschließen. Beim JIF zum Beispiel gibt es ebenso lustige wie ernste Sachen, die sich übrigens ganz klar nicht nur an Frauen richten.

Wenn etwas nicht so ankommt wie erhofft, wird es dann aus dem Programm genommen?

Achutegui Wenn es nach mir geht, nicht unbedingt. Natürlich könnte mein Verwaltungsrat oder die Kulturministerin anderer Meinung sein. Meiner Ansicht nach müssen auch Programmpunkte für Minderheiten geboten werden. Beim JIF gab es beispielsweise einen Workshop, in dem es um „Counter Speech“ bei homophoben Äußerungen ging. Daran teilgenommen haben vielleicht zehn Leute. Trotzdem war es ein wichtiges Thema, warum also hätte dieser Workshop nicht stattfinden sollen?

Steht man als Direktorin eines solchen Hauses eigentlich unter großem Druck?

Achutegui Der Druck ist groß, und die Kritik von außen oft auch. Nicht selten wird einfach alles schlecht geredet. Ab einem gewissen Moment steht man da aber drüber. Besonders online in den Kommentarspalten habe ich schon wirklich schlimme Meinungen über mich gelesen, deshalb tue ich mir das nicht mehr an. Man kann es sowieso nie jedem recht machen.

Feministische Themen interessieren Sie besonders, genau wie Sujets rund um die Migration und Minoritäten, die dementsprechend auch im Programm zu finden sind. Mussten Sie sich dafür anfangs rechtfertigen, beim Verwaltungsrat etwa?

Achutegui Rechtfertigen nicht, aber erklären. Der Verwaltungsrat war mir von Anfang an sehr wohlgesonnen. Immerhin hatte er mich ja ausgewählt, dies nachdem er meine Bewerbung und damit auch meine Interessen genau geprüft hatte. Das Fest zum Internationalen Frauentag war etwas Neues, und ich musste zeigen, dass es dafür eine Nachfrage gibt. Die Zahlen sprechen für sich: Letztes Jahr hatten wir 600 Leute. Bei Ausstellungen, die schwierigere Themen aufgreifen, muss ich schon genauer erklären, warum ich sie machen will. Zensur erfahre ich aber nicht. Trotzdem muss ich mich an Richtlinien halten und natürlich auch Zahlen liefern.

Seit dem zehnten Jubiläum hat sich viel geändert, haben Sie letztens bei einer Pressekonferenz gesagt. Einiges haben Sie bereits aufgelistet, was gehört noch dazu?

Achutegui Was sich am meisten verändert hat, ist unser Residenzprogramm, das es zwar schon immer gab, das aber deutlich ausgebaut wurde. Über 10.000 KünstlerInnen haben bislang von der Möglichkeit profitiert, hier zu wohnen, zu schlafen und zu arbeiten. Dieses Angebot ist also in dem Sinn nicht neu, wir packen es aber jetzt noch bewusster an und stellen mehr Platz zur Verfügung. Gerade sind wir dabei, die Räume mit Akustikern richtig zu beschallen. Auch wenn wir einen Saal megacool finden, heißt das noch lange nicht, dass die Künstler mit dem Sound zufrieden sind, wie wir feststellen mussten (lacht). Wir müssen also weiter investieren. Ziel ist es jedenfalls, noch mehr solcher Künstlerresidenzen zu bieten. Das hat dann zwar nichts mit Entertainment zu tun und bringt auch keine Einnahmen, dennoch ist es wichtig, KünstlerInnen einen solchen privilegierten Ort zum Arbeiten zu bieten. Gerade befindet sich mit Naseer Shamma einer der größten Oud-Spieler der Welt hier in Residenz. Im Januar hat er ein ausverkauftes Konzert in der Philharmonie gegeben, bei uns arbeitet er dagegen an neuen Kompositionen und einer neuen Technik. neimënster ist also zu einem Ort der Kreation und der Recherche geworden, was es vorher nicht war.

Ist neimënster heute als Kultur- und Begegnungszentrum da, wo Sie es haben wollten?

Achutegui Noch nicht ganz. Ich bin mit vielen Ideen hergekommen, aber alles braucht seine Zeit. Einer der größten Unterschiede im Vergleich zum CAPE, das als Asbl funktioniert, ist, dass die Mühlen in einer öffentlichen Einrichtung viel langsamer mahlen. Ich kam aus einem kleinen Betrieb mit elf Leuten und mit kurzen Wegen, die Entscheidungen konnten zack zack getroffen werden. Hier ist der bürokratische Aufwand größer, strenge Prozeduren müssen befolgt werden, was aber logisch ist, immerhin reden wir von sehr vielen Steuergeldern.

Haben Sie sich manchmal zurück nach Ettelbrück gewünscht?

Achutegui Am Anfang schon, weil ich, überspitzt formuliert, einfach das Gefühl hatte, so weit weg von der Kunst zu sein und nur noch Administratives zu machen. Da habe ich dann doch ab und zu ein bisschen Nostalgie empfunden. Und dann habe ich kapiert, dass beispielsweise Taxis für die KünstlerInnen bestellen nicht dazugehören muss. Im CAPE habe ich alles gemacht, es war ein bisschen wie eine One-Woman-Show. Jetzt habe ich ein großes Team, das sich um die Betreuung der KünstlerInnen kümmert. Ich habe verstanden, dass ich nicht die Kontrolle über jede Kleinigkeit haben muss, um dennoch nah an der Kunst zu sein. Natürlich kümmere ich mich nicht nur um Administratives, auch wenn ich dieses Gefühl am Anfang manchmal hatte. Meine Aufgabe ist viel politischer. Das gefällt mir. Auch als Person werde ich anders wahrgenommen. Ich war schon immer Feministin, nur hat das vorher niemanden interessiert.

Seit 13 Jahren leben Sie jetzt in Luxemburg, wie hat sich die Kultur- und Kunstszene in dieser Zeit entwickelt?

Achutegui Sie hat sich extrem professionalisiert. Auch schwierige Themen werden zunehmend angepackt. Als ich Ende 2006 hier ankam, war das noch nicht in diesem Maß der Fall, auch wenn es im europäischen Kulturhauptstadtjahr 2007 bereits viele tolle Projekte gab, etwa die Ausstellung „All you need“. Die Qualität hat sich im Laufe der Jahre wirklich sehr gesteigert, und das Angebot ist deutlich gewachsen. Die Professionalisierung spiegelt sich auch in den Bewerbungen wider, die ich bekomme. Besonders merke ich dies auch bei der jungen Generation unter 30. Am Anfang war es nicht leicht, Leute zu rekrutieren. Die Kultur ist inzwischen nicht mehr dieses Amateurding, das man so nebenher macht. Wenn mir heute ein/e KünsterIn sein/ihr Angebot vorlegt, ist es viel ausgereifter. Relativ neu ist noch dazu, dass die KünstlerInnen Geld für ihre Arbeit verlangen. Das mag blöd klingen, es war aber tatsächlich lange so, dass bei den Kostenvoranschlägen manchmal die eigene Gage fehlte. Ich erinnere mich an Tanzstücke, wo die Choreografin die Hälfte von dem verdiente, was sie ihren TänzerInnen auszahlte. Wenn eine Person, die im Kunstbereich arbeitet, ernst genommen werden will, darf oder muss sie auch Geld für diese Arbeit verlangen können.

Das ist aber teilweise auch heute noch ein schwieriges Thema, wie nicht zuletzt bei den Kulturassisen immer wieder thematisiert wurde…

Achutegui Ja, es ist aber bei weitem nicht mehr so schlimm. Es gab eine Bewusstseinswerdung, wie viel die Arbeit eines Künstlers oder einer Künstlerin wert ist. Apropos Geld, ich finde es super, dass wir als Programmgestalter nicht mehr unbedingt in erster Linie auf ausverkaufte Zuschauerränge aus sind, will heißen, dass wir nicht mehr nur die typischen klassischen Theaterstücke bieten, die uns ein volles Haus sichern würden, sondern auch zeitgenössische Stücke, die uns möglicherweise weniger Publikum bringen. Dieses Publikum muss man langsam entwickeln.

Spiegelt sich die positive Entwicklung der Kulturszene denn auch in der Anerkennung der Künstler wider?

Achutegui Ja und nein, es gibt immer noch Künstler, die nicht so anerkannt sind, wie sie es sollten. Das passiert aber in jedem Land. Als Beispiel würde ich die luxemburgische Performance-Künstlerin Deborah De Robertis nennen. Sie ist überall anerkannt außer hier. Das ist so ein klassisches Ding: Man kann überall erfolgreich sein und trotzdem in seinem eigenen Land nicht so als Held gelten.

Haben Sie noch etwas Bestimmtes auf Ihrer Wunschliste?

Achutegui Ich würde gerne mehr im Bereich des zeitgenössischen Tanzes, der choreografischen Avantgarde machen. Mit dem „Aerowaves Dance Festival“ tun wir das bereits jetzt im Zweijahresrhythmus mit dem Trois C-L. Das „Aerowaves“ ist mein absolutes Lieblingsprojekt, ich würde es gerne ausbauen und jedes Jahr organisieren. Gerade bin ich dabei, Bernard Baumgarten, den künstlerischen Leiter vom Trois C-L, zu bearbeiten (lacht).

NE1MËN5TER

Volksfest am Pfingstwochenende

Am Pfingstwochenende steht das neimënster ganz im Zeichen seines 15. Jubiläums. Gefeiert wird am Sonntag und Montag mit einem großen Volksfest. Der Startschuss fällt am 9. Juni um 18.00 mit einem „Apéritif à la Provençale“. In einer Jurte wird Kino der etwas anderen Art geboten. Außerdem kann ein rockiges Clownsspektakel besucht werden und bis in die Nacht beim großen Ball zu Jazz- und Swing-Klängen getanzt werden. Am Pfingstmontag geht es gleich am Morgen um 11.00 mit einem „Apéro Jazz“ los. Musikalische Performances, kreative Workshops, Yoga, Spiele im Freien sowie akrobatische und clowneske Showeinlagen sind den ganzen Tag über für die ganze Familie im Angebot. An beiden Tagen bietet sich zudem die Möglichkeit, vor der Kulisse des Bockfelsen eine Runde „Pétanque“ zu spielen. Der Eintritt ist frei.

Alle Details unter www.neimenster.lu