LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Große Texte, große Künstler und eine Hymne an das Leben: Das TNL startet in die neue Saison

Hurra, wir leben noch! Mit diesem Ausruf überschreibt TNL-Intendant Frank Hoffmann sein Vorwort in der neuen Programmbroschüre. „Vive la vie!“, heißt es in der französischen Version. Sechs Monate lang hat sich nichts auf der Bühne getan, das Theater stand still. Die letzte Theatervorstellung mit Publikum fand am 12. März statt. „Es war ein ganz besonderer Abend. Auch diese Vorstellung von ,Die Verwandlung‘ war ausverkauft, trotzdem waren 25 Plätze leer geblieben. Die Atmosphäre war sonderbar, es herrschte eine gewisse Unruhe, weil niemand wusste, was als nächstes auf uns zukommen würde. Nach der Vorstellung bleiben die Zuschauer für gewöhnlich noch in unserer Bar, an diesem Abend jedoch sind viele sofort nach Hause gegangen“, erinnerte sich Hoffmann bei der Programmvorstellung am Mittwoch. Am darauffolgenden Tag bereits hätte die Regierung die Maßnahmen angekündigt, die den Kulturbetrieb lahm legten.

50 Vorstellungen fielen aus

„Damals waren wir noch optimistisch und gingen davon aus, Anfang April weitermachen zu können. Aus diesen 14 Tagen wurden jedoch bekanntlich Monate. 50 Vorstellungen mussten wir hier im Haus absagen. Tausende haben während der Krise gelitten, viele sogar ihre Existenz verloren. Auch die Künstler haben schwere Zeiten durchlebt. Manche haben im Internet etwas auf die Beine gestellt. Dennoch: Theater ohne die Bühne ist einfach nichts wert. Das was wir ausdrücken sollen und müssen, können wir nur im Theater machen“, unterstrich Hoffmann. Nun gelte es nach vorne zu schauen, statt nur zu klagen, das Leben zu feiern und Freude zu bereiten: Auch dies sei Aufgabe des Theaters.  
„Parterre“ vom Hausautor der letzten Saison, Michel Clees, war eines der Stücke, das wegen Corona nicht gespielt werden konnte. Die Uraufführung wurde nun auf den 3. Dezember verlegt. In dem Stück geht es um eine Wohngemeinschaft, beziehungsweise eine Zweckgemeinschaft zwischen einem syrischen Flüchtling (Arash Marandi), einem Muttersöhnchen (Robert Atzlinger) und einer Studentin (Nora Koenig).

Hausautorin Elise Schmit

Die diesjährige Autorin in Residenz am „Théâtre National du Luxembourg“ heißt Elise Schmit, die gleich in drei Produktionen vertreten sein wird. Ihren Beitrag zum Thema „Sehnsucht“ steuert sie zum gleichnamigen Tanzprojekt von Jean-Guillaume Weis bei (Premiere am 7. März). Neben sechs anderen Autorinnen aus Griechenland, Israel, Schweden, Aserbaidschan, Deutschland und Luxemburg (Larisa Faber) hat Elise Schmit darüber hinaus einen Text für die internationale Koproduktion „Die neuen Todsünden“ (nach Mahatma Gandhi, 1925) geschrieben, die von Anna Bergmann inszeniert wird (Premiere am 25. Februar). Als Hausautorin wird sie zudem ein neues Stück schreiben, das im Januar in einer szenischen Lesung vorgestellt wird. „Das letzte halbe Jahr habe ich viel über das Thema Alleinsein und Isolation nachgedacht. Es wird ein Dialog über diese Extremsituation, in der man sich nicht treffen darf“, verriet die Schriftstellerin schon mal.   

Die Proben zu „Objet d’attention“ unter der Regie von Véronique Fauconnet hätten eigentlich Mitte März beginnen sollen. Als frustrierend und brutal beschrieb die Regisseurin die Zwangspause. Umso glücklicher sei sie nun, mit diesem Stück am 25. September die neue Spielzeit im TNL eröffnen zu können.

Vom „Zauberberg“ bis „ La Peste“

Außerordentlich gespannt sein darf das Publikum auf „Zauberberg“ in einer Inszenierung von Frank Hoffmann. Florian Hirsch, Dramaturg am TNL, sei es gelungen, aus dem 900-Seiten-Wälzer von Thomas Mann eine Kurzfassung zu machen, wo man laut Hoffmann „das Gefühl hat, dass sehr viel Thomas Mann drin steckt und trotzdem alles ganz anders ist“. „Der Roman handelt von einer mysteriösen, gefährlichen Lungenkrankheit, von Menschen in Isolation, sogar von Ski und Après-Ski, von Karneval und Infektionsherden, es bot sich also an, ihn ein wenig auf unsere heutige Situation zu applizieren“, sagte Hirsch. Es spielen Marc Baum, Ulrich Gebauer, Wolfram Koch, Marco Lorenzini, Jacqueline Macaulay und Maik Solbach. Premiere ist am 28. Oktober.

Regie wird Hoffmann auch im Stück „Frontalier“ führen, ein Monolog von Jean Portante, gespielt von Jacques Bonnaffé (Premiere am 13. März). „Bonnaffé ist ein großer französischer Schauspieler, der bekannt dafür ist, dass er unheimlich stark in der Behandlung von poetischen Texten ist, was wiederum eine große Qualität von Jean Portante ist“, beschrieb er.

Im April erwartet die Zuschauer mit „La Peste“ von Albert Camus ein weiterer Klassiker, ebenfalls inszeniert von Frank Hoffmann. „Wir haben uns vorgenommen, daraus etwas ganz anderes zu machen. Wir werden natürlich nicht den ganzen Roman auf die Bühne bringen, sondern sozusagen zeigen, was während der Pest in Oran passiert ist und was das mit uns zu tun hat. Wenn man verschiedene Sätze von Camus liest, hat man wirklich das Gefühl, er hätte sie eben erst geschrieben, es ist genau das, was wir gerade gefühlt und gesehen haben. Die Bilder lassen sich gut in unsere Zeit übertragen“, erklärte Hoffmann. Zwei Schauspieler, François Camus und Marie Jung, werden in diesem Kammerspiel auf der Bühne stehen (Premiere am 21. April).

Portugiesisches Theater, orientalische Klänge   

Mit „Castro“ des Poeten António Ferreira wird im Februar (in portugiesischer Sprache mit englischen Untertiteln) derweil eines der Meisterwerke der portugiesischen Literatur geboten.

In „Begegnungen“ (Premiere am 19. März) treffen derweil orientalische, auf arabischer Oud gespielte Klänge auf westliche Musik, komponiert von Camille Kerger. Interpreten sind Oudspieler Ehsan Al-Eman und die „United Instruments of Lucilin“. Tänzerin Sylvia Camarda wirkt mit, und der deutsche Künstler Markus Anton Huber zeichnet live auf der Bühne.

In „La disparition du paysage“ steht Denis Podalydès, einer der Stars des französischen Theaters und Kinos, allein auf der Bühne (Premiere am 30. März).

Mit „Die Reise. Ein Trip“ wird ein weiteres „Monstrum von einem Text“, so Florian Hirsch, für die Bühne inszeniert. Bernard Vesper hatte das Buchprojekt „Die Reise“ im August 1969 angekündigt: „ein Brief an den Vater“, „eine schonungslose Beichte“, „eine Generalabrechnung mit allem“, letztlich die detaillierte Schilderung eines 24-stündigen LSD-Trips, vermischt mit aktuellen Reflexionen und autobiografischen Passagen. Premiere ist am 20. Mai.

Und auch in dieser Saison inszeniert Anne Simon wieder ein Stück in englischer Sprache, „Midsummer“, das Hoffmann als „eine Liebesgeschichte über die Unmöglichkeit der Liebe“ beschrieb. Auf der Bühne stehen Larisa Faber und Daron Yates, Premiere ist am 4. Juni.

Das ganze Programm unter www.tnl.lu