LINE DIDELOT

Sieben Freiwillige der Organisation „Catch a Smile“ sind derzeit in Nordgriechenland und in Athen im Einsatz, um Flüchtlingshilfe in und um den Camps zu leisten. Line Didelot ist bereits zum dritten Mal vor Ort, um zu helfen. Die Situation habe sich nach der Räumung des Flüchtlingslagers in Idomeni drastisch verschlechtert, sagt sie. Die 10.000 Bewohner wurden in anderen Camps rund um Thessaloniki untergebracht.

„Es handelt sich größtenteils um Militärcamps. Meistens sind das Zelte, die in riesigen Lagerhallen oder daneben aufgebaut wurden. Es ist oft schwer, als Freiwilliger in diese Strukturen zu kommen. Nicht selten kommt es zu Diskussionen. Es gibt Camps, die besser funktionieren, und solche, in denen die Bedingungen dramatisch sind. Es wird dafür gesorgt, dass diese Menschen überleben, es ist aber einfach kein Leben. Ich will mir nicht ausmalen, wie die Situation in manchen Camps ohne die Arbeit der vielen Freiwilligen aussehen würde.

Die Flüchtlinge werden mit Essen versorgt. Von einer ausgewogenen Ernährung, die unbedingt nötig wäre, kann aber kaum die Rede sein. Täglich gibt es trocknen Reis mit einem Stück Hähnchen. Obst und Gemüse fehlen komplett. Manche Kinder vertragen diese Nahrung nicht. Es gibt Leute, die deswegen erkranken. Die medizinische Versorgung funktioniert längst nicht überall einwandfrei. Vieles scheitert zudem an der Sprachenbarriere. Es gibt nicht genügend Übersetzer, sodass man häufig nicht versteht, woran es den Menschen am meisten fehlt oder welches Medikament sie benötigen.

Ich möchte unbedingt mit dem Vorurteil der vielen Männer, die alleine reisen und nur Probleme machen, aufräumen, - ein Bild, das oft in den Medien so vermittelt wird. Wir sehen hier das genaue Gegenteil, nämlich unzählige Familien und erschreckend viele Kinder, darunter etliche Kleinkinder und Neugeborene. Im Großen und Ganzen haben sie keinen Zugang zur Schule, außer in jenen Camps, in denen die Freiwilligen solche Strukturen aufgebaut haben und schulische Aktivitäten bieten.
Für uns ist jeder Tag anders. Es gibt auch keine Antwort auf die Frage, wie ein normaler Tag aussieht.

Es gibt nämlich keinen normalen Tag. Man muss flexibel sein. Wir helfen dort, wo wir gebraucht werden. Wir verteilen Essen, kochen, bauen Regale auf, machen Aktivitäten mit den Kindern, schenken den Menschen einfach Zeit, indem wir ihnen zuhören. Wir schenken ihnen in gewisser Weise einen normalen Moment. Diese Menschen haben mittlerweile jegliche Hoffnung verloren. Als ich vor rund zwei Monaten hier war, sah die Situation noch anders aus, jetzt aber habe ich das Gefühl, dass die Frustration deutlich gestiegen ist. Manche von ihnen sitzen seit sieben, acht Monaten hier fest, ohne dass sich zwischendurch irgendetwas getan hätte. Niemand weiß, wie es weitergeht, was als nächstes passiert, ob überhaupt etwas passiert. Informiert werden sie nicht. Mehr als einmal haben wir bereits gehört, wie Flüchtlinge sagten, wenn sie das Geld hätten, würden sie nach Syrien zurückkehren, weil sie lieber einen schnellen Tod in ihrem Land sterben würden, als einen langsamen hier in Griechenland. Das sagt eigentlich alles.

Das Leid der Flüchtlinge scheint wirklich momentan sehr in den Hintergrund gerückt zu sein. Genau das ist auch ihre große Angst: Vergessen zu werden.“