PATRICK WELTER

Nichts ist so in die Sphäre der Glaubenskriege abgedriftet wie unsere Ernährung. Wo der Urmensch froh war, ein paar Beeren oder einen vom Blitz erschlagenen Hirsch gefunden zu haben, der mittelalterliche Bauer glücklich über sein Bier und sein Porridge war, und der Mensch in der Dritten Welt sich über eine Schale Reis freut, stehen sich in unserer überzivilisierten Gesellschaft die Ernährungs-„Sekten“ erbittert gegenüber.

Kleine spontane Aufzählung, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Montignac-Anhänger, Pescetarier, Vegetarier, Veganer, Low-Carb, Low-Fat, No-Fat, BARF (ein kleiner Irrtum, das ist eine Ernährungsweise für Hunde), etc. und wie die Glaubensbekenntnisse alle heißen mögen. Dem stehen die Fans Burger King genauso gegenüber, wie die Anhänger der Luxemburger Grillwurst oder die Freunde eines feinen Rehrückens in gepflegter Umgebung.

Die am Dienstag vorgestellte TNS-Ilres Umfrage zur Akzeptanz von biologischen Lebensmitteln hat ein paar interessante Ergebnisse gebracht. Mehr als ein Drittel der Verbraucher kauft kategorisch keine Biolebensmittel. Diese Öko-Verweigerung hängt zum großen Teil mit den hohen Kosten der Bioware und geringem Einkommen zusammen. Die harten Bio-Jünger machen 15% der Luxemburger Konsumenten aus, dort heißt es „Bio oder gar nichts“. Wir Übrigen stellen 60% der Lebensmittelverbraucher: Mittags „convenience food“ aus der Mikrowelle, am Abend ein gutes Stück Käse und am Wochenende das Bio-Huhn in der Backröhre.

Zum Schmunzeln ist, dass gar nicht so wenige Leute dazu neigen auch regional „gelabelte“ Produkte als Bio-Lebensmittel zu identifizieren. Kein Grund, Alarm zu schlagen. Nichtwissen macht in dem Fall nichts. Ein konventionell angebauter Apfel aus Luxemburg dürfte ökologisch erheblich wertvoller sein, als ein aus Neuseeland eingeflogener Bio-Apfel.

Wenn wir das Thema Bio verlassen, sind wir schnell dort wo es unerträglich wird - bei den Kreuzzüglern. Während uns deren Ernährungsgewohnheiten egal sind, werden wir, die ihr von der Evolution hervorgebrachtes Allesfresser-Gebiss gerne in einen Hähnchenschenkel schlagen, gleich mit dem moralisch erhobenen Zeigefinger der V-Fraktion konfrontiert. Die ideologische Schlacht um die geistige Hoheit über den Esstischen wird verbissen geführt.

Der Normalesser ist an allem schuld, vom Untergang der afrikanischen Landwirtschaft (Hähnchenbrust) über die Klimaerwärmung (Steaks) bis zum Abholzen der Regenwälder (Nutella).

Einige Vorwürfe sind sogar berechtigt. Insbesondere die industrielle Massentierhaltung, ist eine Folge der Sucht nach billigem Fleisch. Wer noch gesunde Geschmacksnerven hat, merkt schnell, dass ein in 30 Tagen auf sein Gewicht gebrachtes Huhn für 3,50 Euro geschmacklich nicht mit einem Huhn aus biologischer Aufzucht, das das Doppelte bis Dreifache kostet, konkurrieren kann.

Die Aufgabe für uns alle sollte nicht heißen sich dieser oder jener Ernährungsideologie zu unterwerfen, sondern ganz bewusst zu essen.

Den Apfel von der Mosel oder den aus Neuseeland? Das arme Huhn aus der „Fabrik“ oder das normal aufgewachsene Huhn vom Biobauer?