LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

GG Kirchner hat seit 25 Jahren die Entwicklung der zeitgenössischen Architektur im Land erlebt

GG Kirchner kümmert sich seit 16 Monaten als Partner von METAFORM um zwei der wichtigsten Projekte des Architektur-Büros, den Pavillon in Dubai und die Hauptverwaltung der Post. Er ist seit 25 Jahren Architekt in Luxemburg, davon knapp 24 Jahre bei Valentiny architects. Zu zeitgenössischer Architektur hat er eine klare Meinung.

Was ist bei zeitgenössischen Entwürfen wichtig?

GG Kirchner Meiner Meinung nach gibt es ein paar zentrale Themen: ressourcenschonendes Bauen, ich sage bewusst nicht nachhaltiges Bauen, da dieser Begriff für mich nicht weit genug geht, oder die Digitalisierung, die nicht nur die Arbeitsweise der Architekten verändern wird.

Auch die Architektur ändert sich dadurch. Sie verändert sich weniger durch die Werkzeuge selbst als durch die Möglichkeit, Dinge auszutesten, die man ohne sie nicht oder nur schwer austesten könnte. Man kann sehr komplexe Entwürfe machen, Formen entwickeln, wie zum Beispiel der Entwurf für den Pavillon in Dubai, den man ohne digitale Werkzeuge nicht begreifen würde. Der 3-D-Druck steckt sicher noch in den Kinderschuhen, dennoch ist es bereits möglich, ganze Häuser direkt vor Ort auf der Baustelle maßgefertigt zu extrudieren. Der 3-D-Druck ermöglicht dabei komplexe Strukturen ohne Materialverlust, womit sich Chancen auftun, ressourcenschonend zu bauen.

Inwiefern haben Nachhaltigkeit und Digitalisierung Einfluss auf die Gestaltung?

Kirchner Wenn man ein Gebäude nachhaltig, beziehungsweise ressourcenschonend planen und zertifizieren lassen möchte, kann das durchaus auch einschränkend sein und den Entwurf beeinflussen, keineswegs immer nur positiv. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, kurz DGNB, die für eine solche Zertifizierungen zuständig ist, betrachtet beispielsweise den gesamten Bauzyklus. Sie will unter anderem giftige Stoffe in Materialien verhindern. Viele Materialien sind schon im Herstellungsprozess eine große Belastung für unsere Umwelt, einige sind selbst im eingebauten Zustand noch ungesund. Da ist es nicht schwer zu verstehen, dass solche Materialien dann auch schwierig zu recyceln sind. Aus diesem Grund ist ein verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen unabdingbar.

Aber die Architektur darf darunter nicht leiden. Nachhaltigkeit muss jetzt nicht unbedingt bedeuten, dass ein Gebäude dicke Wände und kleine Fenster haben muss. Das wollen wir mit dem Entwurf für die neue Hauptverwaltung der Post beweisen. Die Entwicklung durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz verläuft sehr schnell. Parallel dazu gibt es auch andere Tendenzen wie zum Beispiel in Dänemark, wo man nicht nur mit High Tech arbeitet, sondern auch mit Low Tech experimentiert: Ganze Mauern aus alten Häusern, alte Fenster werden da wiederverwendet. Architektur bleibt also eines der spannendsten Berufsfelder.

Haben Sie Vorbilder?

Kirchner Ja, die gibt es in der Tat. Für mich ist der Niederländer Rem Koolhaas vom Architekturbüro „Office for Metropolitan Architecture“ (OMA) ein Vorbild, nicht nur, weil er selbst mit die spannendsten Projekte hervorgebracht hat. Er hat neben all den fantastischen Gebäuden auch so viele großartige Architekten hervorgebracht: Bjarke Ingels von BIG architects, Ole Scheeren, der in Asien sehr erfolgreich ist und dort die neue Zentrale des staatlichen chinesischen Fernsehsenders gebaut hat, Rex Architects von Joshua Ramus in den USA oder Hollwich Kushner, wobei Mitgründer Matthias Hollwich auch Ex-Koolhaas-Schüler ist.

Koolhaas ist ein genialer, großartiger Architekt. An der Stelle muss ich erwähnen, dass ich es sehr schade finde, dass er sich nicht mit seinem Entwurf für den neuen Hauptsitz von ArcelorMittal auf Kirchberg durchgesetzt hat. Das wäre ein architektonisches Highlight für Luxemburg geworden.

Was halten Sie von zeitgenössischer Architektur in Luxemburg?

Kirchner Ich bin seit 25 Jahren in Luxemburg und habe in dieser Zeit gesehen, dass Importe von außen oft das Baugeschehen bestimmen, doch gerade in den letzten Jahren konnte sich eine Szene etablieren, die auch jenseits der Grenzen Beachtung verdient. Das ist sehr positiv. METAFORM selbst ist Teil der Entwicklung. Ich betreue neben der neuen Hauptverwaltung der Post auch den Pavillon in Dubai. Es ist ein großartiger Entwurf. Ich hatte ja auch das Glück, den Bau des Pavillons in Shanghai zu realisieren. Die Gebäudegeometrie des Pavillons für Dubai ist im Vergleich dazu um ein Vielfaches komplexer als die in Shanghai. Das allein ist schon mal eine große Herausforderung, dazu kommt das Bauen in einem völlig anderen Kulturkreis. Das macht die Aufgabe besonders spannend. Seit Shanghai sind zehn Jahre vergangen und die Anforderungen an das Bauen stark gestiegen. Wir planen gerade, wie man den Pavillon soweit zurückbauen kann, dass weitgehend alles wieder in einen Kreislauf zurückgeht. In Shanghai hatten wir das in der Form nicht, der Pavillon steht nach wie vor. In Dubai muss der Pavillon aber definitiv weg, da es für das Expo-Gebiet bereits einen konkreten Städtebebauungsentwurf gibt - Teile davon werden sogar bereits realisiert. Nicht zuletzt deshalb ist der Pavillon aus diesem Grund weitgehend als Stahlkonstruktion geplant. Denn die Stahlelemente lassen sich gut zurückbauen und auch gut wiederverwerten.