CLAUDE KARGER

Es ist das große Schlagwort, das noch mehr als „cloud“, „big data“ oder „Internet of Things“ für den digitalen Fortschritt steht: „Artificial Intelligence“ oder „Künstliche Intelligenz“. Wobei es ja bislang keine eindeutige Definition von „Intelligenz“ gibt und nicht immer ganz klar aus den Reden von Politikern oder Wirtschaftsakteuren hervorgeht, was sie eigentlich mit „KI“ meinen.

Hier geht es um Computerprogramme - oder vielmehr Algorithmen - das sind eindeutige Handlungsvorschriften für die Lösung von Problemen - , die „lernen“, sich selbst zu verbessern. Die hochkomplexen Prozesse können helfen, Betrug zu entlarven oder Krankheiten zu identifizieren, sie können Autos lenken und Marssonden sicher landen lassen, dem Verbraucher gehörig das Leben erleichtern und etwa durch effizientes Energiemanagement die Umwelt entlasten.

Aber die Helferlein können auch dazu benutzt werden, um Menschen zu „durchleuchten“, indem sie etwa das Online-Surfverhalten analysieren - jeder Klick hinterlässt Spuren - oder zu beeinflussen, indem Bürger gezielt mit falschen Nachrichten irre geführt werden oder mit politischer Werbung in eine gewisse Richtung gedrängt werden.

In Diskursen über „KI“ hört es sich oft an, als ob das alles Zukunftsmusik sei. Dabei haben Internetgiganten und nicht zuletzt eine Menge Regierungen längst die notwendigen Instrumente, um solche Durchleuchtungen und Beeinflussungen vorzunehmen. Sicher sind die meisten von uns bereits „Opfer“ von Algorithmen geworden, und sei es nur als Zielpersonen für lästige Werbung. Doch wer weiß, was ich gerne im Web kaufe oder mir anschaue, kann auch reichlich über meine Persönlichkeit herausfinden und sogar in diese eingreifen. Technisch möglich scheint heute alles und wirtschaftlich oder gar politisch erwünscht vieles, aber wie immer in der rezenten und rasanten Geschichte der IT hängt der Bau der notwendigen rechtlichen Leitplanken um Jahre hinterher. Während längst Milliarden und Abermilliarden in die Entwicklung von KI fließen und ein wahrer Konkurrenzkampf zwischen USA, Europa und China zu laufen scheint, stecken die Bemühungen um Datenschutz und Transparenz eigentlich erst in einem Anfangsstadium.

Inwieweit darf in die Privatsphäre eingegriffen werden? Wer trägt eigentlich die Verantwortung, wenn ein Programm Schaden anrichtet? Welche Regeln müssen eigentlich bei der Erstellung eines Algorithmus erfüllt sein - schließlich kann dieser schon durch falsche Annahmen oder gar Vorlieben des Programmierers fehlerhaft sein? „Die ethische Dimension von Künstlicher Intelligenz ist kein Luxus oder Add-on“, sagte der zuständige EU-Kommissar Andrus Ansip diese Woche bei einer Konferenz zur Arbeit der unabhängigen, 52köpfigen „KI“-Expertengruppe, die sich seit Juni 2018 mit dem Thema befasst. Es gehe darum, Vertrauen in KI aufzubauen, sagte Ansip. Und Vertrauen sei ein „Wettbewerbsvorteil“ für Europa. Wobei dieses dauernde geographisch geprägte Konkurrenzdenken völlig fehl am Platz ist in einem Bereich, der globale Regeln braucht. Schließlich kennen Algorithmen keine Grenzen. Jetzt ist die Zeit, da die Menschheit sie intelligent setzen muss.