EKKEHART SCHMIDT

Corporate Social Responsibility ist oft nur ein Feigenblatt

Die kapitalistische Marktwirtschaft hat über die Jahrzehnte nicht nur im Norden, sondern durch die Globalisierung auch in den Ländern des Südens eine gefährliche Krisenlandschaft geschaffen: Finanzblasen, strukturelle Arbeitslosigkeit, Zerstörung der Biodiversität, Klimawandel, Kriege um Ressourcen und zunehmende Migrationsbewegungen.

Nach Auffassung vieler hängen diese Krisen nicht nur miteinander zusammen und beeinflussen sich gegenseitig, sondern sind auch auf eine gemeinsame Wurzel zurückzuführen: die fundamentale Anreizstruktur unseres derzeitigen Wirtschaftssystems, die in erster Linie auf Gewinnstreben und Konkurrenz basiert. Der daraus resultierende Wachstumszwang und Druck zu stetigen Effizienzsteigerungen verstärkt die negativen Entwicklungen so stark, dass bezweifelt werden muss, ob das Wirtschaftssystem wieder zu einem gesunden Gleichgewicht zurück finden kann.

Entschleunigung und Verantwortung

Psychologen propagieren heute Möglichkeiten der Entschleunigung, Ökologen und Politiker entwickeln Möglichkeiten der Internalisierung externalisierter Probleme wie Umweltverschmutzung, während Marketingexperten für Unternehmen Systeme wie Corporate Social Responsibility (CSR) entwickeln, mit denen ein gewisses Maß an sozial und ökologisch verantwortlichem Verhalten mittels Labels belohnt wird.

Feigenblatt-Funktion

Die unternehmerische Gesellschaftsverantwortung, bei der es um freiwillige Beiträge der Wirtschaft zu einer nachhaltigen Entwicklung geht, die über die gesetzlichen Forderungen (Compliance) hinausgehen, ist zurzeit sehr in Mode. CSR steht für verantwortliches unternehmerisches Handeln. Da sich trotz dieser Bemühungen an den fundamentalen Anreizstrukturen der Unternehmen wenig bis nichts ändert, muss man sie allerdings häufig als Feigenblatt- oder Alibi-Aktivitäten qualifizieren.

Gerade börsennotierte Unternehmen wirtschaften trotz CSR-Aktivitäten weiter einseitig unter dem Diktum verlangter Quartalsgewinnsteigerungen, weshalb soziale oder ökologische Gesichtspunkte insgesamt nur eine untergeordnete Rolle spielen. Kritisiert wird, dass viele CSR nur aus ökonomischen Gründen betreiben. Dabei wird versucht, mit minimalen Kosten einen möglichst positiven Effekt für sich selbst zu erzielen. An der Aufrichtigkeit der Motive für dieses Engagement bestehen insofern große Zweifel. Nicht wenige setzen CSR-Aktivitäten nicht „um der Sache selbst“ willen ein, sondern zur Verbesserung des Images oder zur Vermeidung von Folgekosten von Pannen und Unfällen - so im Falle von BP nach dem Blowout der Ölplattform „Deepwater Horizon“ 2001.

Da Utopien wie der Sozialismus desavouiert sind, suchen viele Praktiker und Theoretiker nach alternativen Modellen des Wirtschaftens. Volkswirtschaftlich haben die wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Konzepte der Décroissance und der Kreislaufwirtschaft an Bedeutung gewonnen. Auf Unternehmensebene werden seit Jahrzehnten auch in Luxemburg Modelle der Solidarwirtschaft erprobt, etwa bei Co-Labor oder Polygone.

Neu sind Ansätze der partizipativen Ökonomie, Reconomy bzw. auch der biologischen Landwirtschaft. Es gibt auch einige ganzheitliche Ansätze einer Alternative zur kapitalistischen Marktwirtschaft, die keineswegs in zentraler Planwirtschaft enden müssen. Eine dieser Alternativen ist die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ), deren prominentester Vertreter, der Österreicher Christian Felber, im Juni von etika - Initiativ fir alternativ Finanzéiering nach Luxemburg eingeladen wurde.

INITIATIV FIR ALTERNATIV FINANZÉIERUNG

Etika Asbl

Der 1996 gegründete eingetragene Verein etika hat zum Ziel, alternative Finanzierungen zu fördern und Denkanstösse für die Entwicklung des ethischen Umgangs mit Geld zu geben. Dies geschieht unter anderem, indem Initiativen oder Unternehmen der Zugang zu Krediten erleichtert wird, die Sozialem und Kulturellem, der internationalen Solidarität oder dem Umwelt- und Naturschutz einen großen Platz einräumen, entweder in Luxemburg oder in den Ländern des Südens. Etika verfolgt seine Aktivitäten in Zusammenarbeit mit der Banque et Caisse d’Epargne de l’Etat (BCEE) und bietet seit bald 20 Jahren das alternative Sparkonto an - das Geld wird in Projekte investiert wird, die einen sozialen und/oder ökologischen Mehrwert haben -, sowie einen Unterstützungs- und Garantiefonds für diejenigen Kreditnehmer gedacht, die nicht die Sicherheiten bieten können, die eine herkömmliche Bank von ihnen verlangen würde. Ein Teil dieses Fonds ist dafür bestimmt, Mikrofinanz-Institutionen in den Ländern des Südens zu finanzieren. Mittlerweile nutzen 1.140 Personen das alternative Sparkonto, die zum 31. Mai 2016 über 50 Millionen Euro für solche Projekte zur Verfügung gestellt haben.