KIEL/FRANKFURT/MÜNCHEN
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Schuldenschnitt oder Euro-Austritt? Die Diskussion lähmt die griechische Wirtschaft

Allein die Debatte über einen möglichen Euro-Austritt Griechenlands belastet nach Expertenansicht schon jetzt die Wirtschaft des Landes. „Zurzeit werden Investoren kaum nach Griechenland gehen, obwohl sich dort vieles deutlich gebessert hat und die Löhne gesunken sind“, sagte der Ökonom Jens Boysen-Hogrefe vom Kieler Institut für Weltwirtschaft der Deutschen Presse-Agentur. „Sie fragen sich vielmehr, ob die Griechen in zwei Jahren noch in Euro zahlen und welche ökonomische Situation sie dann dort vorfinden werden.“ Das wirke schon jetzt lähmend, sagte Boysen-Hogrefe. „Dies würgt den Aufschwung ab, der in Griechenland gerade etwas Fuß fasst.“

Am Montag hatte die Nachricht, Berlin halte bei einem Sieg des Linksbündnisses von Alexis Tsipras bei der Parlamentswahl am 25. Januar einen Euro-Austritt Griechenlands für verkraftbar, die Anleger massiv verunsichert. Der deutsche Aktienleitindex Dax war um fast drei Prozent abgesackt und hatte damit den größten Tagesverlust seit Anfang März 2014 erlebt.

Auf Europa und den Euro als Gemeinschaftswährung hätte ein Euro-Austritt Athens Boysen-Hogrefe zufolge zunächst rein wirtschaftlich nur geringen Einfluss. „Die direkten ökonomischen Ansteckungsgefahren sind deutlich geringer als 2010 oder 2012.“

Politisch könnte die Ansteckungsgefahr größer sein, warnte der Experte aber. „Wenn über einen eventuellen Euro-Austritt Griechenlands die politische Einigkeit der übrigen Euro-Länder zerbrechen oder in größeren Ländern extrem euroskeptische Kräfte die Oberhand gewinnen sollten, könnte es sehr problematisch werden.“

Schuldenkonferenz gefordert

Die unabhängige französische Tageszeitung „Le Monde“ hatte am Sonntag kommentiert: „Für die Politiker in Europa ist diese Frage heute noch tabu. Doch es könnte sein, dass die EU eine Diskussion über eine geordnete Umschuldung eines Teil der griechischen Schulden einleitet.

In diesem Fall dürfte sie als Gegenleistung eine strikte Einhaltung der Regeln über die zukünftigen Etats Griechenlands fordern.“

Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, fordert unterdessen eine internationale Schuldenkonferenz zu Griechenland. Das Land müsse wieder wettbewerbsfähig werden. „Das erfordert eine Abwertung seiner Währung, also einen zeitweisen Euro-Austritt, was wiederum einen Schuldenschnitt bedingt“, sagte Sinn in München. Dies müsse alles zusammen international beschlossen und koordiniert werden.

Zur Begründung verwies der Ökonom auf die wirtschaftliche Lage: „Griechenland hat heute doppelt so viele Arbeitslose wie im Mai 2010. Die Industrieproduktion ist um 30 Prozent eingebrochen gegenüber dem Vorkrisenniveau. Das Land steckt in der Falle. Die interne Abwertung durch die Sparprogramme ist gescheitert.“

Nach den Worten Sinns kann Griechenland seine Schulden ohnehin niemals zurückzahlen, da sei es besser, die Spirale zu durchbrechen. Für den Fall, dass Griechenland aus dem Euro ausscheide, müsste Deutschland nach Sinns Angaben derzeit maximal mit einem Verlust von bis zu 76 Milliarden Euro rechnen. Wenn das Land in der Eurozone verbleibe, seien die Verluste in etwa genauso hoch, nur würden sie anders verbucht. Es würden immer wieder neue Kredite nötig, befürchtet Sinn - was die Griechenland-Rettung zu einem „Fass ohne Boden“ mache. Ein Euroaustritt ist aber wenig wahrscheinlich. „Die Spekulationen über einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone sind Zeitverschwendung“, sagte der Vize-Chef der EU-Kommission Jyrki Katainen gestern.