LUXEMBURG
SAMUEL HAMEN

Was hat der Schriftsteller heutzutage noch zu melden? Soll er die Verfehlungen im eigenen Land ankreiden und den Lesern literarische Räume bereitstellen, um deren kritische Neugierde anzuregen? Oder ist er nurmehr eine tragische Figur, die sich eine Gesellschaft als Luxusgadget und schreibende Schrulle hält? Autoren wie der Schweizer Lukas Bärfuss, der Franzose Édouard Louis oder die Deutsche Kathrin Passig zeigen hinlänglich, dass ersteres nach wie vor, letzteres (noch) nicht der Fall ist. Wie sieht es hierzulande aus mit dem Selbstverständnis, Können und Einfluss der Autorenriege? Die Anthologie der „Walfer Bicherdeeg 2015“ hat sich dem Thema „Quo vadis Europa?“ verschrieben und neben Philosophen und Historikern auch 14 Autoren um Beiträge gebeten. Herausgekommen sind laut Buchcover „Texter iwwert Fridden a Fräiheet“. Wo, wenn nicht in diesem Band, lässt sich ein Aperçu ziehen von unserer Literaturszene?

Viele der Einreichungen beeindrucken durch eine überwältigende bis beängstigende Rat- und Hilflosigkeit. Vesna Andonovic eröffnet den Band mit einer hochambitionierten Erzählung, die völlig abwegig endet. Ein Mädchen aus Luxemburg sitzt irgendwo auf einer Mittelmeerinsel, sagt jugendliche Kulissensätze wie „voll krass!“ und findet unter Wrackteilen einen gestrandeten Eritreer. Das reicht Andonovic aber noch nicht - schließlich muss man mit der medialen Bildtaktung mithalten, die uns seit fast einem Jahr das Flüchtlingsthema ins Hirn hämmert. Das Mädchen heißt also nicht Sonja oder Daphné, sondern allen Ernstes Europa. Beim Anblick des Eritreers fühlt sich unsere Europa dann auch noch an einen Stierkampf erinnert - und als Leser fragt man sich, ob Andonovic ihren Text unter Kontrolle hat. Ist der Eritreer der wilde Stier? Entführt und vergewaltigt er jetzt die unschuldige Europa? Und überhaupt: Wer schlachtet hier wen ab in dieser blutigen Arena?

Yorick Schmit wendet in seinem Beitrag eins zu eins jenen Kniff an, den er bereits branderfolgreich in der Erzählung „Paenitentia“ (2014) einsetzte. Wieder stehen Gefangene aus dem KZ Hinzert im Mittelpunkt, wieder regnet und schneit es sehr viel in die Dunkelheit hinab, und wieder ist alles atmosphärisch durchsetzt mit Blutgeruch, schreienden Nazis und eindimensionalen Opferschicksalen. Wer will, kann beim Lesen das Geigensolo aus Spielbergs KZ-Drama „Schindlers Liste“ hören. Dann spürt er nichts mehr vom unsäglichen Leid dieser Menschen, sondern nur noch die eigene, angenehm kribbelnde Gänsehaut.

Ergebnis ist ernüchternd

Nach der Lektüre dieser beiden Beiträge kam mir die Frage in den Sinn: Inwiefern reagieren die Beiträger überhaupt auf all die Krisen, die uns um die Köpfe schwirren? Werden aus der bisher ungekannten Position der Schwäche heraus neue und spannende Schreibmöglichkeiten entwickelt? Das Ergebnis ist auch nach der Lektüre aller 14 Texte größtenteils ernüchternd. Bis auf wenige Ausnahmen lavieren sich die Schreibenden mit pseudo-politischen Pläuschchen und Kalauern durch den Text und den Tag (Maryse Kriers „Wie schmeckt Europa?“; Sabrina Notkas „Ein europäischer Traum“; Carmen Heyars „Europa macht sich schööön“). Oder sie üben sich in unterkomplex erzählten Migrantenbiographien (Mireille Weiten-De Wahas „Mat Leif, ... ouni Séil“) sowie in semi-politischer Naivität. Carla Lucarellis Beitrag „D’où l’on vient, où l’on va ...“ endet etwa mit dem Satz: „Des solutions existent pourtant. Il suffirait de leur prêter une oreille.“

Es gibt auch sehr überzeugende Beiträge im Band, der Ende letzten Jahres bei den „Editions Guy Binsfeld“ erschienen ist. Roland Harsch legt mit „Friede, Freude, G/Sp/ötterfunken“ ein Langgedicht vor, das Komik und Ernst zusammendenkt und auch im Engagement den Gag sucht und findet. Gast Groeber erzählt auf seine übliche unaufgeregte Art von einem senilen Mann, der sich einer Telefonumfrage über die EU entsinnt. Darf beziehungsweise. soll der Leser die Figur als Allegorie auf unseren heillos versehrten Kontinent lesen? Serge Bassos titelloses Poem ist geronnen zu einer zerbrechlichen humanistischen Hymne, und Nico Helmingers „A narrative of the time of euro“ ist ein furioses, vielstimmiges Pamphlet, in dem sich der pathologische Mediendiskurs der letzten Jahre vermengt mit versprengten Erinnerungspartikeln.

Gebe es da nicht einen Haken - Harsch ist Jahrgang 1951, Helminger 1953 und Groeber sowie Basso 1960. Vielleicht ist dies der eigentlich beunruhigende Befund: dass die stärksten Beiträge von einem Ü55-Männerclub geliefert wurden und die jüngeren und jüngsten Schreibgenerationen nicht mal ansatzweise mitzuhalten wissen.  
 
Die Anthologie preist „Texter iwwert Fridden a Fräiheet“ an und versammelt u. a. die literarischen Beiträge von Nathalie Ronvaux, Lex Jacoby und Nico Helminger