COLETTE MART

Als größte Herausforderung seit dem Ende des Krieges bezeichnete Jean Asselborn die aktuelle Flüchtlingskrise in Europa. In der Tat sind die Rettung tausender Menschen, eine adäquate Verteilung der Flüchtlinge, die Bekämpfung des Menschenhandels, sowie der diplomatische Beitrag zur Lösung der Konflikte in den Kriegsgebieten oberste politische Priorität. Dass sowohl Xavier Bettel, als auch Jean Asselborn auf europäischer Ebene für Solidarität und Menschlichkeit in dieser Frage plädieren, ist lobenswert. Außerdem ist der eingeschlagene Diskurs politisch mutig, denn unser Land wird auf eine neue Flüchtlingswelle vorbereitet, was ja auch bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen auf Widerstand, Kritik oder Angst stoßen kann.

Alles scheint also so, als würde das Leid in der Welt nicht in Trier anhalten, wo die Auffangstellen für Flüchtlinge überfüllt sind. Viele stellen sich derzeit die Frage, was denn zu tun wäre, wenn jetzt ein Zug mit Hunderten von Flüchtlingen an unserem Bahnhof stehen wird, Luxemburg also keine Insel mehr sein wird, sondern sich mit der Aufnahme traumatisierter Menschen befassen muss. Kinder müssen eingeschult, Asylanträge geprüft werden, und über eine mögliche Integration von Flüchtlingen auf unserem Arbeitsmarkt nachgedacht werden. Politik und Verwaltung sind gefordert, auch aus gewohnten Denk- und Handelsschemen herauszutreten und innovative Wege einzuschlagen.

Schon bahnen sich Konflikte zwischen einzelnen europäischen Ländern an, der ungarische Premier Orban wird offen kritisiert, und verschiedene europäische Länder sind für Flüchtlinge viel attraktiver als andere. Menschlichkeit ist auf jeden Fall erforderlich in einer europäischen Krise, die sich auch in den Kontext einer historischen Verantwortung hineinfügt, die unter anderem Deutschland sehr gut verstanden hat.

Deutschland, das zwischen 1935 und 1945 Millionen von Menschen entwurzelte und auf die Flucht jagte, fällt jetzt durch eine großzügige Flüchtlingspolitik positiv auf. Auch andere europäische Länder haben historische Verantwortungen, und es ist immer sinnvoll, an verschiedene geschichtliche Zusammenhänge zu erinnern. Im Kongo, der zu Kolonialzeiten zeitweilig Privatbesitz des belgischen Königs war, wurde durch die Extraktion des Gummis die kongolesische Bevölkerung zum Teil versklavt und Millionen starben. In Brüssel wurden während dieser Zeit symbolträchtige Prunkbauten errichtet

Die Franzosen rekrutierten die jungen Männer aus den afrikanischen Kolonien in ihren Armeen im Ersten und im Zweiten Weltkrieg, ohne ihnen danach die Emanzipation zuzugestehen. Die Engländer bauten ihrerseits ebenfalls ein koloniales Imperium auf, in dem das traditionsreiche englische Demokratieverständnis nicht respektiert wurde. Die Deutschen haben in Namibia den Völkermord der Herero auf dem Gewissen. Portugiesen und Spanier bereicherten sich durch die transatlantische Sklaverei. Aus verheerenden Menschenrechtsverletzungen entstanden für Europa manchmal große Bereicherungsmöglichkeiten, die bis heute nachwirken.

Hier und jetzt hat die Geschichte zurückgeschlagen, hier und jetzt müssen wir als Europäer ein bisschen von dem, was wir uns genommen haben, zurückgeben.