MONT ST.MICHEL
HELMUT WYRWICH

„Luxembourg Air Rescue“, deutsche Bundeswehr und Frankreichs Armee fliegen an Covid-19 erkrankte Franzosen aus

Es ist eine Aktion europäischer Solidarität mit Frankreich und mit Italien geworden. Per Hubschrauber, per Flugzeug, per Hochgeschwindigkeitszug, Krankenwagen und per Bus werden an Covid-19 erkrankte Elsässer und Lothringer entweder quer durch Frankreich verteilt oder ins europäische Ausland in Krankenhäuser überführt.

Die Transporte sind ein Wettrennen mit der Zeit, um Leben zu retten und die Krankenhäuser im französischen Osten zu entlasten. Der Hubschrauber der französischen Armee kommt aus Phalsbourg an der Grenze des Départements Moselle und des Elsass. Die schwere Maschine ist ein Spezialtransporter der Armee, dazu gedacht, verletzte Soldaten aus der Gefahrenzone zu fliegen und möglicherweise noch während des Transportes Leben zu retten. Landen kann sie nur auf dem Parkplatz des Metzer Messegeländes. Zwei Krankenwagen mit je einem Patienten fahren vor. Die Patienten sind Schwerstfälle. In Tiefschlaf versetzt, hängt ihr Leben von Beatmungsgeräten ab, die mit ihnen in den Helikopter gehievt werden.

Von Metz ins Ruhrgebiet

Ein Stunde dauert die Übergabe der Patienten aus den Krankenwagen in den Hubschrauber. Jeder Patient wird von einem Arzt und einem Krankenpfleger begleitet. Nach dem Schließen der Tür dauert es. Erst als die Ärzte grünes Licht geben, startet der Hubschrauber in Richtung Essen im Ruhrgebiet, 340 Kilometer von Metz entfernt.

Das Universitätsklinikum in Essen besteht aus einer Reihe hochspezialisierter Kliniken, die keinen Bereich der Medizin auslassen. „Wir haben bisher sechs Patienten aus dem Osten Frankreichs aufgenommen“, sagt ein Sprecher des Klinikums. „Mit den beiden zusätzlichen werden es acht sein“. Ob weitere hinzu kommen werden, ist nicht sicher, aber nicht ausgeschlossen. Nordrhein-Westfalen gehört zu den Regionen in Deutschland, die am stärksten von der Viruskrise betroffen sind. Aber: Das Land hat sich vorbereitet. „Wir haben unser Klinikum umstrukturiert. Wir haben alle nicht dringlichen Operationen verschoben. Wir haben in einzelnen Kliniken Platz leer geräumt. Und wir haben das Personal aufgerüstet: Es reicht nicht, dass wir über Beatmungsgeräte verfügen. Wir benötigen auch das Personal, das damit umgehen kann. Die nötigen Schulungen hat es gegeben“, sagt der Sprecher. Und dennoch, gibt er zu: „Auf solch eine Krise ist niemand vorbereitet. Wir arbeiten hier schon hemdsärmelig“. Französische Patienten aufzunehmen, das wird in Essen als menschliche und medizinische Solidarität aufgefasst. „Wir haben Betten und Platz ...noch“, heißt es.

Essen ist im Ruhrgebiet nicht der einzige Ort, der Corona Patienten aufnimmt. Auch in das benachbarte Bochum, werden Franzosen geflogen. Die deutsche Botschaft in Paris hat mitgeteilt, dass Deutschland bisher 50 Corona-Patienten aufgenommen hat. Der Hubschrauber kehrt nicht zu seiner Basis nach Phalsbourg zurück. Er fliegt zunächst nach Metz und liefert dort die beiden Beatmungsgeräte wieder ab, auf die das Regional-Krankenhaus Metz/Thionville dringend wartet.

Direktorin Marie-Odile Saillard hat ebenfalls ihr Krankenhaus umstrukturiert. Sie hat in Metz und in Thionville 170 Betten für Schwersterkrankte hergerichtet, die im Tiefschlaf künstlich beatmtet werden. So sehr sie sich auch über die Transport Aktion freut, sieht doch, dass dies ein Tropfen auf einen heißen Stein ist. „Wir müssten nicht zwei, sondern zwölf ausfliegen“, sagt sie. „Wir haben noch vier Betten frei. Die werden noch im Laufe des Tages belegt sein.“ René Closter hat in der vergangenen Woche mit seinen Mannschaften erlebt, was es heißt, Krankenhäuser im Elsass zu entlasten. Die „Luxembourg Air Rescue“ (LAR), der er vorsteht, hat sieben Patienten aus dem Elsass mit Hubschraubern nach Luxemburg geholt, um sie zu retten. Das funktioniert nicht immer. Einer von ihnen ist zwischenzeitlich verstorben. Am Wochenende hat die LAR zwei Patienten nach Hamburg geflogen, einen nach Homburg. Und mit einem Lear Jet kam ein anderer aus dem Elsass von Mulhouse in die bretonische Hauptstadt Rennes.

Bei der LAR werden die Schutzanzüge knapp

Die LAR ist Teil einer nationalen und auch europäischen Rettungsmaschinerie, die eingesetzt hat. Einerseits werden innerhalb Frankreichs mit als Lazarettzüge umgebaute TGV Patienten aus dem Elsass in den Westen und Südwesten gefahren, andererseits kommen die Nachbarstaaten zu Hilfe. Der Transport nach Luxemburg erfolgte auf Ersuchen der luxemburgischen Regierung. Die anderen Transporte, weil die LAR in das französische Notarzt Rettungssystem (SAMU) eingebunden ist. Bei aller Hygiene, die den Transport der Patienten umgibt, müssen Hubschrauber und Flugzeuge nach einem solchen Transport gründlich desinfiziert werden. Closter: „Das dauert vier Stunden“. Aber die LAR hat Erfahrung darin.

„Wie waren die einzige europäische Organisation, die bei der Ebola-Seuche eingesetzt war. Die Prozeduren zur Desinfektion von damals haben wir beibehalten. Sie werden jährlich trainiert und auch jetzt wieder angewendet, um für jeden Patienten einen einwandfrei hygienischen Transport zu sichern“, erzählt Closter im Gespräch mit dem „Journal“. „Wir können in der augenblicklichen Krise stark helfen“, sagt Closter, gibt aber zu, dass ihn eine Sorge plagt. „Die Schutzanzüge für die Besatzungen werden langsam knapp“, sagt er.