LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Stefano Bollani mit seinem Danish Trio und Enrico Rava in der Philharmonie

Gleich zum Auftakt der Jazzsaison präsentierte die Philharmonie einen besonderen Leckerbissen mit Interpreten aus der Elite der europäischen New Jazzszene. Die beiden italienischen Starmusiker Stefano Bollani und Enrico Rava, beide schon des öfteren in Luxemburg in unterschiedlichen Besetzungen zu Gast, traten diesmal mit Bollanis dänischem Trio an, zu dem Jesper Bodilsen am Kontrabass und Morten Lund am Schlagzeug gehören.

In bester „Comedia dell’arte-Manier“ wurde der Leader an einem, in seinem Shirt verborgenen, Kleiderbügel auf die Bühne geführt und damit war die lockere, entspannte Stimmung des herausragenden Konzerts angesagt und durch die ansteckende, gute Laune der Musiker gewährleistet.

Mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit und wohltuender Selbstverständlichkeit bereitete Bollani in seiner Intro auf das unaufdringliche, kultivierte aber temperamentvolle Ambiente des aus stilistischen Mixturen gestalteten Konzerts vor, das ohne Unterbrechung von einer nicht versiegenden Quelle von Überraschungen und stilistischen Feinheiten geprägt war. Ganz im Sinne seiner Vorliebe für lateinamerikanische Rhythmen verlief die hervorragend konstruierte Vorstellungsnummer des Trios, wobei die einzelnen Solisten besonderen Wert auf die Komplettierung des Teams legten.

Als dann noch Enrico Rava, den wir noch letztes Jahr mit seiner eigenen Formation „opderschmelz“ erleben konnten, mit seinem ausdrucksstarken Sound dazustieß, war das Gruppenkonzept an Formenreichtum nahezu nicht mehr zu überbieten. Er präsentierte sich mit seinen frischen, eigenständigen Melodiebögen bestens integriert in der Formation des ehemaligen „shooting Stars“ Bollani, den der Mentor vor mehr als 20 Jahren erstmals einem internationalen Publikum bekannt machte.

Ausverkauftes Auditorium

Auch nach Hunderten von gemeinsamen Auftritten dominiert bei dem Tandem noch immer eine spontane Lust, die Melancholie, Ironie und eine gewisse beherrschte Experimentierfreudigkeit in wohldosierten Massen vereinen. Kein bisschen müde verzauberte der mittlerweile 77-jährige Rava mit seinem kontrastreichen Spiel, das seine lyrischen Intermezzi mit den manchmal provokanten Ausbrüchen des Free Jazzers der ersten Stunde perfekt kombiniert, in einer fast 90minütigen Performance das enthusiastische Publikum des restlos ausverkauften Auditoriums. Die individuelle willkürliche Ausgelassenheit gepaart mit der kontrollierten Homogenität des Kollektivs sorgten ohne Unterbrechung für ein multikulturelles Jazzerlebnis, wobei eine wichtige Rolle dem grandiosen Stützpfeiler des Ensembles, dem Bassisten Jesper Bodilsen mit seinem harmonisch und rhythmisch ausgedehnten Aktionsradius zuteil wurde.

Und immer wieder sorgten die faszinierenden, völlig unkonventionell aufgebauten Schlagzeugsolos Morten Lunds für spannungsgeladene Episoden, was die tiefgründigen Stimmungscharakteristiken in allen Variationen unterstreichen konnte.

Ein Höhepunkt der Soiree war sicherlich das souveräne Zeugnis der intimen Duokunst des Pianisten mit einem Rava, der hier in der Shownummer „Cheek to Cheek“ seine Verbundenheit zu den legendären Größen seines Instruments demonstrierte. Eine fantastische Vision von Bollanis größtem Traum, der laut Interview im Programmheft, „im Duo mit Louis Armstrong zu spielen, wenn er wiederkehren würde“, wäre. Eine verträumte Ballade von Carlos Antonio Jobim als Hommage an Ravas früheres Idol Chet Baker, rasante Be Bopphrasen im Wechsel mit eher abstrakten, intellektuellen Passagen rundeten die vielumjubelte Veranstaltung mit einer der ansprechendsten Combos Europas ab.

Wiedersehen im Januar und Juni 21017

Es war ein ausgezeichnetes Fünf-Sternekonzert ohne etüdenhafte Virtuosität mit dem Charme des Einfachen und ausgedehnten Exkursionen in die abstrakte Welt der improvisierten Musik, mit einem Bollani, der sich durch seine stilstische Vielfalt im besten Sinne als musikalisches Chamäleon entpuppte. Gespannt sein darf man auf seine beiden nächsten Auftritte als „Artist in Residence“ der Philharmonie im Januar und Juni 2017, wo er im intimen Rahmen des Kammermusiksaals als Alleinentertainer in seiner Rolle als stilistischer Verwandlungskünstler musikalische Selbstgespräche führen kann und als Solist mit dem „Orchestre Philharmonique du Luxembourg“ in Ravels „Klavierkonzert G-Dur“ glänzen dürfte.