COLETTE MART

Das Jahr 2013 wurde zum Europäischen Jahr der Bürgerinnen und Bürger erklärt, dies anlässlich des 20. Jahrestages der Einführung der Unionsbürgerschaft durch den Vertrag von Maastricht. Einerseits hat die Unionsbürgerschaft zahlreiche konkrete und praktische Vorteile für die EU-Bürger mit sich gebracht, andererseits fühlen sich letztere nach wie vor der europäischen Politik eher fern, dies insbesondere angesichts der verworrenen Finanzsituation und der enormen Geldsummen, die in krisengeschüttelte Länder fließen. Gleich vorweg: die Tatsache, dass die Menschen sich seit 20 Jahren in der EU frei bewegen und etablieren können, dass Grenzen abgebaut wurden und in vielen Ländern die gleiche Währung gilt, hat den Alltag in der EU positiv verändert. Derzeit leben etwa 12,3 Millionen EU-Bürger außerhalb ihres Herkunftslandes in Europa; dies hat zu einer Internationalisierung lokaler Bevölkerungen geführt, die immer eine Bereicherung ist, genauso wie die Mobilität von Arbeitskräften auch immer dem Erlernen mehrerer Sprachen förderlich ist. Mit den Grenzen konnten auch Vorurteile abgebaut werden, dies unter anderem auch durch die Unterstützung von Studenten, die durch europäische Gelder dazu ermutigt werden, Praktika und ein Semester ihrer Studiengänge in einem anderen EU-Land als jenem ihres Gesamtstudiums zu absolvieren.

Während die Luxemburger durch ihr kleines Territorium seit jeher gewohnt waren, Grenzen zu überqueren, blieben die Bürger der großen Ländern eher zuhause. So findet man bis heute den kosmopolitischen Geist der Europäer noch immer eher in kleinen Ländern, manchmal auch in großen Städten. Allgemein haben sich die Europäer daran gewöhnt, an Grenzen nicht mehr kontrolliert zu werden, wenn sie in Urlaub fahren, und auch selbstverständlich Obst und Gemüse aus dem Süden Europas zu konsumieren, respektive Zugang zu Produkten aus der ganzen Welt zu haben. Die Öffnung der europäischen Grenzen, sowie die Unionsbürgerschaft haben ohne Zweifel auch innere Grenzen und Vorurteile, sowie provinzielles Denken abgebaut, und ebenso eine Besinnung auf gemeinsame Werte, eine gemeinsame, wenn auch oft traurige Geschichte gefördert, und einen Krieg innerhalb der europäischen Grenzen undenkbar gemacht. Der Abbau der Grenzen hatte also psychologische, intellektuelle, wirtschaftliche und menschliche Vorteile; trotzdem bleibt die Perzeption der Europapolitik für viele EU-Bürger komplex und undurchsichtig, und die wirtschaftliche Solidarität kommt bei jenen, die sich selbst vielleicht als Opfer wirtschaftlicher Entwicklungen, sowie der Globalisierung sehen, nicht immer gut an. Angesicht eines europäischen Diskurses, der in den Medien omnipräsent ist, und der Präsenz von Millionen jugendlichen Arbeitslosen, die kaum ein Sprachrohr, respektive auch keine starke Lobby haben, klafft der Dialog zwischen den Bürgern und der Politik auseinander, und es stellt sich die Frage, ob die Politik den Bürger auch immer versteht und sich in seine Sorgen hineinfühlen kann. Das Europäische Jahr der Bürgerinnen und Bürger sollte Gelegenheit bieten, über diese Fragen nachzudenken.