BREMM
JENS ALBES (DPA)

Der Calmont im Kreis Cochem-Zell an der Mosel weist bis zu 68 Grad Steigung auf

Hätte Kilian Franzen Höhenangst, müsste er seinen Job an den Nagel hängen. „Das ist hier quasi wie eine Wand“, sagt der Winzer und blickt in die Tiefe. Unten fließt träge die Mosel durch ihr Millionen Jahre altes Bett. Mit bis zu 68 Grad Steigung gilt der Calmont im Kreis Cochem-Zell als steilster Weinberg Europas. Bis zu rund 20 uralte Steinterrassen türmen sich hier übereinander.

Johann Wolfgang von Goethe hat den Calmont einst beschrieben als „Natur-Amphitheater, wo auf schmalen vorragenden Kanten der Weinstock zum allerbesten gedieh“. Wie ein Hohlspiegel steigt der Weinberg von der Mosel aus rund 300 Meter in die Höhe. Nach Süden ausgerichtet, zieht er sich etwa drei Kilometer zwischen den Weindörfern Bremm und Ediger-Eller an einer der engsten Schleifen des Flusses entlang.

Steillagenweinbau als Alleinstellungsmerkmal

Schon die Römer sollen hier Wein angebaut und den Berg wegen seiner erhöhten Temperaturen „Calidus mons“ (Warmer Berg) getauft haben. Franzen, 32-jähriger Winzer in sechster Generation am Calmont: „Der Schieferboden kann sich im Sommer bis auf etwa 70 Grad aufheizen. Ein Arbeiter an einer Trockenmauer hier hat sich in der Mittagspause schon mal ein Spiegelei auf dem Schiefer gebraten.“ Unten reflektiert die Mosel die Sonne. Nachts speichert sie die Wärme des Tages. Zudem verhindert der baumgesäumte Gipfelkamm des Calmont, dass kalte Luft ins Tal sinkt. Das mediterrane Mikroklima ist für das Gedeihen der Rieslingrebe auf rötlich-schwarzen Schieferböden ideal.

Das Moseltal ist eines der größten Rieslinggebiete der Welt. Auf 242 Kilometern ziehen sich heute die Reben am deutschen Teil der Mosel entlang. Vor einem guten Jahrhundert habe diese Rebsorte als der international beste Wein gegolten, sagt Franzen. Nach Ansehensverlusten des Moselweins in späteren Jahrzehnten wird deutscher Riesling heute wieder überall in die Welt verkauft. Auch Franzen exportiert nach eigenen Worten von seinen jährlich rund 90.000 Flaschen Wein etwa die Hälfte ins Ausland - in europäische Nachbarländer, aber beispielsweise auch in die USA und nach Südkorea. Sein Rieslinganteil liege bei 85 Prozent. Ansonsten baue er zu je fünf Prozent Elbling, Weißburgunder und Spätburgunder an. Steillagen zu bewirtschaften ist mühsam. Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut sagt aber: „Die Winzer haben inzwischen zunehmend erkannt, dass sie mit Steillagen ein Alleinstellungsmerkmal haben, mit dem sie sich im starken Wettbewerb abgrenzen können.“ Der Steillagenweinbau stabilisiere sich wieder. Das zeigt sich auch am Calmont. Gut 100 kleine und Kleinstflächen einzelner Winzer hat es hier laut Franzen einst gegeben, insgesamt 24 Hektar. Immer mehr Weinbauern geben auf, bis es in den neunziger Jahren nur noch vier Hektar sind. Behördlich unterstützter Flächentausch und EU-Förderungen führen mit dazu, dass heute wieder mehr als 20 Winzer insgesamt zwölf Hektar bewirtschaften.

In Steilstlagen seien pro Jahr und Hektar 1.200 bis 1.600 Arbeitsstunden nötig, meint Büscher. „In Flachlagen können dagegen mit Mechanisierung 200 Arbeitsstunden reichen.“

Viele Wanderer kraxeln freiwillig im Calmont: Ein drei Kilometer langer Klettersteig führt teils mit Leitern und Handläufen durch das zerklüftete Schieferfelsenmassiv. Als Belohnung gibt es spektakuläre Blicke auf die Moselschleife tief unten mit der spätgotischen Klosterkirchenruine Stuben.