HOLLERICH
INGO ZWANK

Hollerich soll ein Aushängeschild der Stadt für das 21. Jahrhundert werden

Die ehemalige Pfarrkirche des Viertels Hollerich war bereits im 10. Jahrhundert bekannt. Seit dem Mittelalter gab es hier neben Bauernhöfen auch Steinbrüche und Kalköfen, die ihre Produkte an die nahe gelegene Stadt und Festung Luxemburg lieferten, wie Laurent Langer und Nathanael Dimitriadis von der „Direction de l’Architecte“ der Stadt Luxemburg berichten. Schon sehr früh hätten sich hier kleine Industrien angesiedelt - und nach dem Anschluss an das Eisenbahnnetz des Großherzogtums und der Eröffnung des ersten Bahnhofs im Jahr 1859 florierten hier die Industrie und der Handel.

Nathanael Dimitriadis (l.) und Laurent Langer vor dem Stadtplan Foto: IZ - Lëtzebuerger Journal
Nathanael Dimitriadis (l.) und Laurent Langer vor dem Stadtplan Foto: IZ

Ein recht großes Viertel

Aktuell ist das Viertel Hollerich in einem absoluten Wandel. „Es ist schon etwas anderes, was wir hier vorhaben“, sagt Langer, „wir wollen eine Rekonstruierung eines Viertels erreichen, in dem auch etwas Industrie vorhanden war. Schaut man sich das Tram- und auch Busdepot mit den Garagen oder auch den Bereich Wurth-van Landewyck an.“ Langer und Dimitriadis beugen sich über einen Plan, der sich über zwei lange Tische im Besprechungsraum erstreckt. „Zuerst muss man ja mal wissen, dass sich Hollerich bis hoch zum Parc Merl und rüber bis zur Pont Adolphe erstreckt“, sagt Langer, und dann an der Pétrusse entlang bis runter an die Gleise, „also ein doch recht großes Viertel.“ 160,01 Hektar umfasst die Fläche des Viertels, und eine große Fläche wird zurzeit in zwei Ausbauplänen geführt. „In einem ‚Plan directeur Wurth-van Landewyck‘ und einem ‚Plan Porte de Hollerich‘“, wie Dimitriadis beschreibt.

„Es soll hier nun ein wirkliches urbanes Viertel entstehen - 50 Prozent Wohnungen sind von uns angedacht“, sagt Langer. Das klassische Mischviertel soll vor allem von Grün dominiert werden. „Ein Viertel, was auf Ökologie ausgerichtet ist und langfristig die anderen grünen Randflächen rund um die Hauptstadt mit zusammenführen soll.“ Hollerich soll sich so zu einem gewissen Vorzeigeobjekt entwickeln, „Luxemburg im 21. Jahrhundert darstellen“, wie die Mitarbeiter ausführen.

Bauideen von diesem ökologischen Viertel auf ehemaligen Industrie- und Gewerbegrundstücken entlang der Bahnlinie nach Arlon, plus Hochspannungsleitung sind aber Aspekte, die beim Interessenverein Hollerich nicht auf Gegenliebe stoßen, ebenso wie der Bau eines neuen Viertels „Porte de Hollerich“ (hierzu mehr im weiteren Artikel zum Thema).

„Wir wollen aber viel Grünfläche entstehen lassen, auch die nachhaltige Mobilität entsprechend etablieren.“ Dies soll sich im besagten Öko-Viertel widerspiegeln, „erneuerbare Energien, sanfte Mobilität sollen gefördert werden.“

2009 wurde der Masterplan für das Viertel Hollerich ausgearbeitet, es kam aber natürlich noch zu diversen Modifikationen, ehe dann 2016 auch das „EcoViertel“ mit 35 Hektar mit eingeflossen war. „Mit den Eigentümern stehen wir in einem engen Austausch“, sagt Langer, der zusammen mit Dimitriadis darauf hofft, dass man in drei Jahren mit den Bebauungsplänen in die Prozedur gehen kann.

PAG „Paul Wurth/Van Landewyck“

Bereits am 13. Juni 2016 hat der Gemeinderat der Stadt Luxemburg den neuen Bebauungsplan (PAG) für den Bereich „Paul Wurth/Van Landewyck“ in die Prozedur gegeben. Hier wird der Bauperimeter nicht ausgeweitet, etwa die Hälfte der Fläche bleibt der Sadt Luxemburg als Grünfläche erhalten. Durch die neu zu schaffenden „grünen Korridore“ zwischen und innerhalb der neuen Viertel vergrößere sich die Grünfläche sogar noch um 14 Prozent, wie es von politischer Seite heißt. Die Schaffung des neuen Wohnraums werde im Respekt mit der bestehenden Bausubstanz gefördert, wobei die Bebauung zahlreicher leerstehender Flächen und alter Industriebrachen anstehe, was im Rahmen der Teilbebauungspläne „Paul Wurth/Van Landewyck“ oder auch „Porte de Hollerich“ vorgesehen sei.

Auch hier werde mindestens die Hälfte der Flächen mit Wohnungen bebaut, der öffentliche Transport und die sanfte Mobilität erhalten Vorrang, außerdem werde viel Wert auf Grünflächen zur Naherholung gelegt. Da die Stadt ein ehrgeiziges Parkraummanagement ausgewiesen hat, werde auch dieses in den vorliegenden Bebauungsplänen weiter umgesetzt. So kann nur noch ein Parkplatz auf 175m2 Bruttobaufläche bei Büros errichtet werden, bei Einfamilienhäusern muss kein Stellplatz und bei Mehrfamilienhäusern nur mehr ein Stellplatz pro 0,8 Wohnung errichtet werden.

Ein direkter Zugang zur Autobahn ist ab Hollerich gewährleistet - Lëtzebuerger Journal
Ein direkter Zugang zur Autobahn ist ab Hollerich gewährleistet
Großbaustelle im unteren Bereich der Rue de Hollerich - Lëtzebuerger Journal
Großbaustelle im unteren Bereich der Rue de Hollerich
Andere Ideen

Interessenverein Hollerich sieht Entwicklung kritisch

In den letzten Jahren hat sich der Interessenverein Hollerich immer wieder mahnend zu Wort gemeldet, weil man dort mit der geplanten Entwicklung des Viertels nicht glücklich ist. Der Verein tritt eher für einen weiteren Park als für mehr Arbeitsplätze ein; die nach Auffassung des Vereins die im Allgemeinen Bebauungsplan vorgesehenen Mischgebiete mit sich bringen werden.
Im Sommer 2018 verglich der Interessenverein den damaligen Infrastruktur- und heutigen Minister für Mobilität und öffentliche Bauten, François Bausch, (Déi Gréng) mit dem Pariser Stadtplaner Baron Georges-Eugène Haussmann, der seine Ideen „mit der Spitzhacke“ vorangetrieben habe. Der Interessenverein unterstellte dem Minister aufgrund des „Bereichsplan Transport“ ein ähnliches Denken. Die projektierte Trambahnlinie vom „Centre Hospitalier“ zum Hauptbahnhof solle wohl im Wortsinn „quer“ durch Hollerich zu führen - mitten durch den Baubestand. Der Interessenverein meinte dazu: „…ein Korridor für die Tram festgelegt wird, der in der rue de l’Aciérie (Hollerich) einen Knick macht und dann quer durch die Häuser führt, wobei die ersten Häuser auch noch unter Denkmalschutz stehen…“
Wenig Begeisterung bringt der „Interesseveräin Hollerech“ auch dem „Bereichsplan Wohnen“ entgegen. Der Verein um die Vorsitzende Frau Dr. Wahl kämpft seit langem für eine Absenkung des Autobahnzubringers und der Escher Straße, um am bisherigen Ende der A4 im Bereich der Hollericher Kirche einen Park anlegen zu können. Die offizielle Planung an der „Porte de Hollerich“ und die Einstufung des Gebiets zwischen Schule und Friedhof als „vorrangiges Wohngebiet“ sieht der Interessenverein eher kritisch.
Ziel des S.I. Hollerich ist es den, durch die Entwicklungen der letzten fünf Jahrzehnte städtebaulich zerrissenen Stadtteil Hollerich wieder zu einer Einheit zu machen. In den 1970er Jahren war man noch auf der Suche nach der „autogerechten Stadt“ - ohne Rücksicht auf Verluste, was im heutigen Hollerich noch zu merken ist. Selbst über die Verschiebung der Hollericher Kirche dachte man damals nach.
Natürlich sehen auch die Pläne der Stadtverwaltung vor, aus dem heute geteilten Hollerich - nordwestlich und südöstlich des Autobahnzubringers - wieder ein in sich geschlossenes Viertel zu bilden. Nur gehen offensichtlich die Auffassungen darüber, wie man das machen soll, weit auseinander.  PW
Die Häuser der ehemaligen „Paul Wurth-Kolonie“ in Hollerich - Lëtzebuerger Journal
Die Häuser der ehemaligen „Paul Wurth-Kolonie“ in Hollerich
Die nationale Gesundheitskasse ist in Hollerich angesiedelt - Lëtzebuerger Journal
Die nationale Gesundheitskasse ist in Hollerich angesiedelt
Bereits am 13. Juni 2016 hat der Gemeinderat der Stadt Luxemburg den neuen Bebauungsplan (PAG) für den Bereich „Paul Wurth/Van Landewyck“ in die Prozedur gegeben - Lëtzebuerger Journal
Bereits am 13. Juni 2016 hat der Gemeinderat der Stadt Luxemburg den neuen Bebauungsplan (PAG) für den Bereich „Paul Wurth/Van Landewyck“ in die Prozedur gegeben
Bauideen von einem ökologischen Viertel auf ehemaligen Industrie- und Gewerbegrundstücken entlang der Bahnlinie nach Arlon: das ökologische Vorhaben „Porte de Hollerich“ soll in drei Jahren in die Prozedur gehen - Lëtzebuerger Journal
Bauideen von einem ökologischen Viertel auf ehemaligen Industrie- und Gewerbegrundstücken entlang der Bahnlinie nach Arlon: das ökologische Vorhaben „Porte de Hollerich“ soll in drei Jahren in die Prozedur gehen