CLAUDE KARGER

An den Holocaust – und seine Ursachen - muss immer und immer wieder erinnert werden

Die Umfragen, die im Rahmen des 75. Jahrestags der Befreiung des KZ Auschwitz in Deutschland vom Meinungsforschungsinstitut YouGov unternommen wurden, stimmen sehr nachdenklich. Zwar ist eine deutliche Mehrheit der Deutschen (56 Prozent) dafür, dass Besuche in KZ-Gedenkstätten während der Schulzeit Pflicht sein sollten und 24 Prozent meinen, dass das Gedenken an den Holocaust generell verstärkt werden müsse. Allerdings meinen 22 Prozent, dass die Shoa in der deutschen Erinnerungskultur eine zu große Rolle spielt. Unter den Wählern der stramm rechten AfD – deren Chef schon mal mit der Aussage schockierte, die NS-Zeit sei ein „Vogelschiss“ in 1.000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte - sind diejenigen, denen das Gedenken zu viel ist, mit 56 Prozent sogar in der Mehrheit. Dass solche Parteien Aufwind jenseits der Mosel haben und unablässig die Geschichte neu zu schrieben versuchen, dürfte auch dem Politik-Uninteressiertesten bekannt sein.

Auch woanders in Europa feiern solche Parteien Erfolge und nicht wenige spielen die Rolle ihrer Länder beim schlimmsten Verbrechen der Menschheit gerne herunter und versuchen sogar aus Hitler-Helfern wieder Heroen zu machen. Denen muss man immer und immer wieder entgegen halten, was wirklich passiert ist in den grauenhaften Jahren, in denen die selbst ernannten „Herrenmenschen“ sich die Welt unterwerfen wollten und dafür Millionen Leben ausradierten und Abermillionen andere Leben – über Generationen hinweg - für immer durch Leid und Willkür brandmarkten. Insgesamt rund sechs Millionen Juden wurden von den Nazis und ihren Helfershelfern erschossen, erhängt, vergast, verhungern gelassen. Zum Teil ganz in der Nähe oder sogar mitten unter der nicht-jüdischen Bevölkerung. Für die, die wie wir in eine Gesellschaft des Friedens und Wohlstands hinein geboren wurden, für die es selbstverständlich ist, dass Menschenrechte und Demokratie einen hohen Stellenwert einnehmen, ist der Holocaust schier unfassbar. Selbst wenn wir Gelegenheit haben, mit den leider immer weniger werdenden Zeitzeugen über ihre schrecklichen Erfahrungen zu sprechen, die grauenhaften Bilder des Unrechts immer und immer wieder gesehen haben: Wir bekommen nur eine kleine Ahnung davon, was die Opfer der Nazi-Mordmaschinerie, denen von heute auf morgen alles genommen wurde, sogar ihre Würde, mitmachen mussten.

Das alles fing mit Worten an, mit Vorurteilen, mit Hetze gegen Juden und andere Minderheiten. Auch heute noch wird gehetzt – nicht zuletzt anonym in den sozialen Medien. Und die Zahl der antisemitischen Übergriffe nimmt laut übereinstimmenden Berichten zu, in Deutschland und in Europa. Es gibt Vandalismus auf jüdischen Friedhöfen und offene Drohungen gegen jüdische Bürger, Drohungen, die leider auch schon wahrgemacht wurden. „Dass sich Menschen jüdischen Glaubens bei uns nicht mehr zu Hause fühlen, ist ein einziger Alptraum - und eine Schande, 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz“, schrieb dieser Tage der deutsche Außenminister Heiko Maas in einem Gastbeitrag für den „Spiegel“ und rief jeden dazu auf, gegen Antisemitismus Farbe zu bekennen. Auch Luxemburg, das derzeit den Vorsitz der „International Holocaust Remembrance Alliance“ innehat und dessen Parlament und Regierung sich im Juni 2015 bei der jüdischen Gemeinschaft für das Leid entschuldigten, das diese durch die Haltung der hiesigen Behörden erlitt, will sich in naher Zukunft einen nationalen Aktionsplan gegen Antisemitismus geben. Es ist nötig.Claude Karger