BERLIN
WERNER HERPELL (DPA)/LJ

An Simply Reds „Blue Eyed Soul“ scheiden sich die Geister -James Blunt auf „Once Upon A Mind“ so persönlich wie noch nie

Beide sind schon lange im Geschäft. Beide sind Briten. Nun haben sowohl James Blunt als auch Mick Hucknall beziehungsweise Simply Red neue Alben auf den Markt gebracht. Während James Blunt gern als Schmusesänger bezeichnet wird, obwohl er zuletzt moderner und elektronischer daherkam, sieht sich Mick Hucknall stets mit der Frage konfrontiert, wie man so weiß sein kann und es dennoch schafft, so schwarz zu klingen.

Schwarz oder weiß?

Welche Hautfarbe sollte ein Soul-Sänger haben, um „echt“ und authentisch zu wirken? Damit schlägt sich der Brite Mick Hucknall herum, seit er vor 35 Jahren das Projekt Simply Red ins Leben rief. Seine neue Platte hat er nun fast trotzig „Blue Eyed Soul“ benannt, also nach einem nicht ganz unumstrittenen Sub-Grenre: Schwarzer US-amerikanischer Soul im Stil der 60er und 70er Jahre - komponiert und gesungen von einem weißen Musiker.

Eigentlich hatte Hucknall ja schon in seinen frühen Jahren nachdrücklich bewiesen, dass er die schwarze Musik im Blut und in der Stimme hat. Mit Single-Welthits wie „Holding Back The Years“ oder dem Cover „If You Don’t Know Me By Now“, mit Millionenseller-Alben wie dem Debüt „Picture Book“ (1985), „A New Flame“ (1989) oder dem Karrierehöhepunkt „Stars“ (1991) wurde er zu einem der erfolgreichsten Pop-Sänger seiner Generation.

Doch es blieben Zweifel: Darf ein rothaariger Bursche aus Manchester den großen afroamerikanischen Vorbildern wie Ray Charles, Sam Cooke, James Brown, Marvin Gaye und Curtis Mayfield so stilecht nacheifern, ohne dass es nach Kulturimperialismus riecht? Hucknalls Band Simply Red beantwortet diese Frage nun mit einem Album, das tatsächlich ziemlich schwarz klingt und mit klassisch-altmodischen Songs ausdrückt: „Who cares“ - frei übersetzt: Macht euch mal locker.

Im Interview des Magazins „Rolling Stone“ erinnerte sich der inzwischen 59 Jahre alte Musiker mit der immer noch leicht androgynen Sahnekaramell-Stimme kürzlich an sein Einstiegsjahr 1984: „Amerikanische Plattenfirmen dachten, da sänge ein schwarzes englisches Mädchen.“ In den USA habe es geheißen: „Zu weiß fürs schwarze, zu schwarz fürs weiße Radio.“ Hucknall fand das schon damals „heuchlerisch“.

Deshalb kann er nun mit „Thinking Of You“, dem Opener des neuen Albums, oder mit „BadBootz“ ganz unverblümt Disco-Funk für reifere Dancefloor-Besucher machen. Oder mit „Complete Love“ einen feinen Schmusesong abliefern. Oder mit „Tonight“ eine der schönsten Balladen einer Laufbahn zelebrieren, in der Hucknall rund 60 Millionen Tonträger verkauft haben soll - keine schlechte Bilanz für einen vermeintlichen Trittbrettfahrer übrigens.

Nichts an „Blue Eyed Soul“ dürfte sich neu oder irritierend anfühlen für langjährige Fans von Simply Red - aber man nimmt dem blassen Mann seine Begeisterung für die schwarze Musik jederzeit ab. „Diese gegenseitigen Befruchtungen betrachte ich als größtes kulturelles Erbe des 20. Jahrhunderts“, sagte Hucknall dem „Rolling Stone“ - und verwies auf weiße Künstler wie George Gershwin, Elvis Presley oder Mick Jagger und auf die Afroamerikaner Louis Armstrong oder Jimi Hendrix. Letztlich gehe es doch darum, aus diesem Erbe „etwas Originelles zu kreieren“.

Ob die zehn mit großer Bandbesetzung eingespielten Simply-Red-Stücke von „Blue Eyed Soul“ nun originell sind oder doch nur gut gemeint und definitiv gut gemacht, daran werden sich wohl wieder die Geister scheiden. Das erste Studioalbum der Band seit „Big Love“ (2015) - ihr insgesamt zwölftes - beweist aber zumindest eines: Mick Hucknall ist ein wunderbarer Sänger, der sich vor den Black-Music-Legenden nicht verstecken muss - Hautfarbe hin oder her.

„Ich bin an einem Punkt in meiner Karriere angekommen, an dem ich eines von diesen düsteren, selbstreflektiven Alben hätte machen können, die heute so viele Künstler in einem bestimmten Alter aufnehmen. Eine Platte, auf der ich nochmal auf mein Leben zurückschaue“, sagte der 59-Jährige über seine Position im Musik-Business. „Ich wollte lieber etwas mit viel Schwung machen und mich dabei gut amüsieren.“ Das ist ihm wohl gelungen.

Große Gefühle - ehrliche Tracks

Sein erster großer Hit verfolgt ihn bis heute. Auf „You’re Beautiful“ besingt James Blunt 2005 eine große Liebe. Seitdem wird er als Schmusesänger und Romantiker abgestempelt. Auf Blunts sechstem Album „Once Upon A Mind“, das vor kurzem erschienen ist, geht es erneut um große Gefühle - doch nicht alle sind romantisch.

Im Song „Monsters“ etwa singt Blunt emotional über die Beziehung zu seinem erkrankten Vater, der auf eine Spenderniere wartet. „Ich bin nicht dein Sohn. Du bist nicht mein Vater. Wir sind bloß zwei Erwachsene, die sich verabschieden“, heißt es darin. „Es gibt keinen Grund zu vergeben. Keinen Grund zu vergessen. Ich kenne deine Fehler, und du kennst meine.“ An diesem Lied habe er besonders lange gearbeitet, sagte Blunt der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Wenn du einen Song über das Lebensende deines Vaters schreibst, dann arbeitest du so lange daran, bis er perfekt ist. Wenn ich den Song meinem Vater vorspiele, muss ich wirklich sichergehen, dass er absolut perfekt ist.“ Sein Vater habe den Song als „ehrlich“ empfunden.

Die elf Tracks auf „Once Upon A Mind“ seien die ehrlichsten seiner Karriere, sagt der Brite. Neben zwei Balladen über seinen Vater, der als Soldat im westfälischen Soest stationiert war, singt der 45-Jährige auch über Ehefrau Sofia Wellesley. In „Cold“ heißt es etwa: „Ohne dich bin ich einfach kalt“. Er mache derzeit weniger Musik, um Spaß zu haben, sondern „weil ich wirklich einige Lieder schreiben muss für Leute, die mir sehr nahe stehen“. Dementsprechend melancholisch wirkt Blunt auf seinem sechsten Album, nachdem er zuvor elektronischere Songs mit DJs wie Robin Schulz oder Lost Frequencies aufgenommen hatte.

Trotzdem stellt Blunt klar, dass er keinesfalls ein romantischer Typ sei - auch wenn ihm das seit „You’re Beautiful“ unterstellt werde. „Ich war auf Drogen abgestürzt und habe die Freundin eines anderen gestalkt“, erklärt der Brite seinen damaligen Liedtext. „Dieser Typ ist nicht romantisch. Dieser Typ ist unheimlich.“