LUXEMBURG
PIERRE WELTER

Der 60-Jährige bestreitet die Vergewaltigungen

Nach tausenden Fällen von sexuellem Missbrauch in den Kirchen der USA und Irlands gibt es einen Skandal in der katholischen Kirche Luxemburgs, der nun vor Gericht gelandet ist. Es ist damit der bislang aktuellste Fall von sexuellem Missbrauch im Land, denn Fälle die Anfang 2010 bekannt wurden, lagen oft 30 Jahre und mehr zurück und sind verjährt. Auf der Anklagebank des Bezirksgerichts Luxemburg sitzt jetzt ein ehemaliger Pfarrer des katholischen Pfarrverbands Belair-Merl-Zessingen.

Mehrfache Vergewaltigung eines Teenagers

Er ist wegen Vergewaltigung eines Minderjährigen angeklagt. Die Staatsanwaltschaft wirft dem heute 59-jährigen Pfarrer vor, sich Ende 2008 in Taizé (Saône-et-Loire in Frankreich) an einem minderjährigen Jungen (damals 13 Jahre alt) vergangen zu haben. Das Opfer sei am 8. November 2008 in einer Herberge drei Mal vergewaltigt worden. Der Mann bestreitet die Vergewaltigungen. Er hatte damals mit dem Jungen ein Zimmer geteilt. Erst lange Zeit nach den Geschehnissen, im Jahr 2014, öffnete sich der Junge und äußerte sich zur Tat.

Selbstanzeige und Suspension

Der von Maître Gaston Vogel vertretene Pfarrer hatte sich daraufhin selbst gegenüber der Erzdiözese und Erzbischof Jean-Claude Hollerich angezeigt. Allerdings nicht freiwillig, denn der Vater des Jungen hatte vorher mit dem Pfarrer über die Sache geredet. Er wollte dem Pfarrer nicht schaden. Der Erzbischof verhängte dem Pfarrer ein Kontaktverbot zu dem Kind. Hollerich suspendierte den Priester unmittelbar nach dessen Selbstanzeige von seinen pastoralen Aufgaben und vergewisserte sich, dass die Staatsanwaltschaft informiert wurde. Noch am gleichen Tag wurde der Betroffene von der Kriminalpolizei vernommen. Hier räumte er die vollständige Dimension des Vorfalls ein, bestritt aber eine Nötigung des Jungen. Er habe nie beabsichtigt, den Jungen zu etwas Ungewolltem zu zwingen.

Es steht Aussage gegen Aussage in der grundlegenden Fragestellung, wie und warum es soweit kam. Während der Pfarrer gegenüber der Kriminalpolizei aussagte, dass die Initiative von dem Jugendlichen ausging dieser ihn bereits in den Wochen zuvor sexuell provoziert habe, sagte das Opfer aus, dass der Pfarrer derjenige gewesen sei, der sich ihm sexuell genähert hätte. Auf die Frage der Vorsitzenden Richterin, ob denn die Beschuldigungen, die ihm vorgeworfen werden, der Realität entsprechen, antwortet der Beschuldigte daher klar mit „Nein.“ Staatsanwaltschaft und der Nebenklagevertreter Albert Rodesch zeigten sich entsetzt über diese Aussage des Angeklagten und verwiesen auf die Aussageprotokolle.

Der Junge wehrte sich nicht

Was die Eltern nicht ahnen: Der Pfarrer legt sich laut den Anschuldigungen neben den Jungen ins Bett und soll ihn geküsst haben. Der Junge hätte sich nicht getraut, irgendetwas zu sagen und hätte den Kuss erwidert. Laut Opfer soll es dann zu Oralverkehr gekommen sein. In der polizeilichen Vernehmung sagte der Pfarrer „Ich weiß nicht mehr, ob es soweit kam.“

Der Geistliche soll dann am nächsten Tag das Kind in der Jugendherberge in der Dusche überrascht und mit Komplimenten überschüttet haben. Auch zu Streicheleien sei es gekommen. Der Junge hätte sich nicht gewehrt. Laut zuständigem Ermittler sei die Initiative vom Pfarrer ausgegangen. Es soll zur Masturbation gekommen sein. Dies bestreitet der Angeklagte nicht.

Glaubt man dem Pfarrer, so ging es - laut Gespräch mit dem Psychiater und Psychologen - bei dem Missbrauch in Wahrheit nur um tiefe Freundschaft, ehrliche Verbundenheit und emotionale Zuneigung.

Voll schuldfähig

„Kann man den Beschuldigten als pädophil bezeichnen?“, fragte die Vorsitzende Richterin den Psychiater Edmond Rénaud. Es sei auf jeden Fall ein perverser Akt, der Beschuldigte sei allerdings nicht psychiatrisch krank, antwortete der Experte. Rénaud erklärte den Pfarrer nach Gesetz als voll schuldfähig. Ob heute das 22-jährige Opfer vor Gericht unter Ausschluss der Öffentlichkeit befragt werden wird, ist noch unklar. Im Prozess beantragte der Nebenkläger als Schadenersatz den symbolischen Euro.

Der Prozess wird am Mittwoch mit einem Video der polizeilichen Zeugenvernehmung des Opfers fortgesetzt. Er ist auf vier Tage angesetzt.