LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

80 Millionen Menschen - einmal die Bevölkerung Deutschlands - waren weltweit Ende 2019 vor Verfolgung, Konflikten, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen auf der Flucht. Das Phänomen der Zwangsvertreibung erreicht schwindelerregende Dimensionen. Mindestens 100 Millionen Personen mussten nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks binnen des vergangenen Jahrzehnts ihr Zuhause aufgeben. Von einem Rekordwert ist die Rede, einer Verdoppelung in zehn Jahren.

Die Zahlen im UNHCR-Jahresbericht sind das Resultat von anhaltenden und neuen Konflikten, die eine Rückkehr von Geflüchteten verhindern und Menschen neu in die Flucht treiben. Das UNHCR spricht von einer „grundlegend“ veränderten Situation. „Weil Kriege und Konflikte anhielten, konnten weniger Flüchtlinge und Binnenvertrieben nach Hause zurückkehren“, schreiben die Vereinten Nationen. Eine begrenzte Bereitschaft zum „Resettlement“ sowie Schwierigkeiten bei der Integration von Geflüchteten verschärfen die Problematik zusätzlich. Eine Rückkehr in ihr Heimatland sei in zehn Jahren gerade einmal für 3,9 Millionen Flüchtlinge möglich gewesen.

Diese Entwicklungen müssen auch die Regierungen in der EU aufhorchen lassen, in mehrerlei Hinsicht. Je länger Konflikte anhalten und je unwahrscheinlicher eine Rückkehr wird, umso entscheidender ist eine Politik, die die Integration von Flüchtlingen in der Perspektive eines möglichen dauerhaften Verbleibs versteht. Will heißen: Man muss darauf vorbereitet sein, dass viele Geflüchtete irgendwann das Exil zu ihrer Heimat machen, wenn die Perspektive für eine Rückkehr in ihr Herkunftsland zunehmend verblasst. Daraus ergeben sich etliche ganz konkrete Fragestellungen, die von Nichtregierungsorganisationen auf diesem Gebiet immer wieder thematisiert werden.

Denn was nützt es abgesehen von schneller möglichen Abschiebungen, die Prozeduren zur Behandlungen von Anträgen auf internationalen Schutz zu beschleunigen, wenn Asylbewerber nach ihrer Anerkennung als Flüchtling dennoch monatelang in (nicht selten renovierungsbedürftigen und bedingt auf die Autonomie ihrer Bewohner ausgerichteten) Heimen verbringen müssen, aus dem sie als sogenannte BPI eigentlich ausziehen müssten, aber auf dem angespannten Wohnungsmarkt nicht fündig werden? Oder, und damit ganz klar zusammenhängend, keine Arbeit finden? Denn wie von NGOs kritisiert ist allein die Prozedur, um als Asylbewerber arbeiten zu können, kompliziert und wird kaum genutzt. Auch wenn man realistisch bleiben muss mit Blick auf Sprachbarrieren, wären selbst vorübergehende Berufserfahrungsnachweise dem Übergang in die Autonomie und damit auch der Integration förderlich. Es ist auch wichtig, wie auch vom „Lëtzebuerger Flüchtlingsrot“ betont und von der Regierung beabsichtigt, dieses Empowerment ab Tag 1 des Asylantrags anzugehen und keine wertvolle Zeit zu verlieren, um Kompetenzevaluierung, Sprachkurse oder das Vertrautmachen mit Abläufen zu organisieren. Denn von einer schnellen Integration profitieren am Ende alle.