LUXEMBURG
JOS A. MASSARD

Von Baron Edmond de Sélys Longchamps bis zu Delphine Boël

Auch in Luxemburg wurde die jüngste Entwicklung im Kampf, den Delphine Boël geführt hat, um den belgischen Ex-König Albert II. dazu zu bringen, sie als sein aus einer außerehelichen Beziehung mit der Baronin Sybille de Sélys Longchamps hervorgegangenes Kind anzuerkennen, mit Interesse verfolgt. Nicht zuletzt dürften auch die engen familiären Beziehungen zwischen dem belgischen Königshaus und unserer großherzoglichen Familie dieses Interesse geschürt haben. Zwischen Luxemburg und der Familie de Sélys Longchamps (de Selys Longchamps) gibt es aber auch noch andere Querverbindungen, spätestens ab dem 19. Jahrhundert, wo eins ihrer Mitglieder in dem kleinen Kreis der Luxemburger Naturwissenschaftler große Verehrung genoss.

Der Zoologe Edmond de Sélys Longchamps

Es handelt sich hierbei um den belgischen Baron Michel Edmond de Sélys Longchamps (1813-1900), den Ururgroßvater von Sybille de Sélys Longchamps und Urururgroßvater von Delphine Boël. Er war einer der führenden belgischen Zoologen seiner Zeit, der sich schon sehr früh mit seinen ornithologischen und entomologischen Veröffentlichungen einen Namen gemacht hatte. Sein Interesse galt daneben auch den Wirbeltieren, insbesondere den Säugetieren. Sein Spezialgebiet aber war die Odonatologie, die Libellenkunde. Er war „l’homme des odonates“, der Libellen-Mann, dem man aus der ganzen Welt, aus Birma oder von den Philippinen, aus Madagaskar, von den Seychellen, aus Kuba oder Mexiko, Libellen zur Untersuchung und zum Bestimmen schickte.

Edmond de Sélys Longchamps, der seit 1841 korrespondierendes und seit 1846 wirkliches Mitglied der „Académie royale de Belgique“ war, wurde 1851 in die im Vorjahr in Luxemburg gegründete „Société des sciences naturelles du Grand-Duché de Luxembourg“ als Ehrenmitglied aufgenommen. Im Jahr 1854 schenkte er dem soeben im April eröffneten Naturalienkabinett des Vereins mehrere Präparate von Kleinsäugern und eine Sammlung von Libellen.

Im Jahre 1868 wurde die „Société des sciences naturelles“ zur „Section des sciences“ des eben geschaffenen Großherzoglichen Instituts, und de Sélys Longchamps hierdurch automatisch Ehrenmitglied dieser Sektion des Instituts.

Das Ehrenmitglied der „Fauna“

Im Jahre 1892 kam Edmond de Sélys Longchamps erneut in Luxemburg zu Ehren. Diesmal bei der 1890 gegründeten „Fauna“, dem „Verein Luxemburger Naturfreunde“, der auch heute noch aktiven „Société des naturalistes luxembourgeois“ (SNL). Als Reaktion auf eine Einladung der „Société entomologique de Belgique“ zu einer am 25. Mai 1892 vorgesehenen Manifestation zu Ehren ihres Ehrenpräsidenten, des Hrn. Baron de Sélys Longchamps, anlässlich des 50. Jahrestags des Erscheinens von dessen „Faune de Belgique“, beschloss die „Fauna“ in ihrer Sitzung vom 9. Mai einstimmig an besagter Festlichkeit teilzunehmen. Und „da Hr. Baron de Selys-Longchamps einer der ersten Gelehrten war, welcher sich um die Erforschung der Fauna unseres Landes verdienstlich gemacht“ hatte, wurde derselbe „séance tenante“ zum Ehrenmitglied der luxemburgischen Gesellschaft proklamiert. Der Schriftführer wurde beauftragt, im Namen des Vereins eine diesbezügliche Botschaft an den Jubilar abzusenden. Edmond de Sélys Longchamps dankte in einem längeren Schreiben für seine Ernennung zum Ehrenmitglied, ermunterte den Verein, auf der betretenen Bahn rüstig voranzuschreiten und bot der jungen Vereinsbibliothek eine Anzahl seiner wissenschaftlichen Arbeiten zum Geschenk an. Bescheiden wie er war, lehnte Edmond de Sélys Longchamps die für den 25. Mai 1892 angesagte öffentliche Ehrung ab. Er war aber mit einem Festessen im intimeren Rahmen einverstanden, das am 3. Juli 1892 stattfand, und zu dem die „Fauna“ auch eingeladen war.

Der Politiker und seine Familie

In der General-Versammlung der „Fauna“ vom 16. Dezember 1900 teilte ihr Vorsitzender Prof. Edmond J. Klein mit, dass die Gesellschaft den Verlust ihres Ehrenmitglieds Michel Edmond Baron de Sélys Longchamps zu betrauern habe. Er sei am 11. Dezember in Lüttich verstorben. Auf der Titelseite der Dezembernummer ihrer „Mittheilungen aus den Vereinssitzungen“ veröffentlichte die „Fauna“ eine schwarz umrandete Todesanzeige zum Gedenken an den Verstorbenen, „Freund und Gönner“ des Vereins „seit seiner Gründung“. Leider mit dem falschen Todesdatum: 12. statt 11. Dezember.

Edmond de Sélys Longchamps betrieb nicht nur Wissenschaft, sondern mischte auch an vorderster Front in der belgischen Politik mit, insbesondere als Mitglied des Senats, dem er von 1855 bis 1900 angehörte, zeitweise als Vizepräsident und von 1880 bis 1884 als Präsident. Ausführliche Details über die politische Laufbahn von Edmond de Sélys Longchamps sind in seinen klassischen Biographien nachzulesen, insbesondere auch im 1982 erschienen Buch „Michel-Edmond de Sélys-Longchamps 1813-1900: Gentilhomme savant et démocrate“ von Jules Coen, das in der Luxemburger Nationalbibliothek zu finden ist.

Im Alter von 25 Jahren hatte Edmond de Sélys Longchamps im Jahr 1838 Sophie Caroline d’Omalius d’Halloy geheiratet, die Tochter von Jean-Baptiste d’Omalius d’Halloy, der als einer der Begründer der belgischen Geologie gilt. Das Paar hatte vier Kinder: Caroline und Marguerite, Raphaël und Walthère. Dem 1841 geborenen Raphaël fiel später die väterliche Domäne von Longchamps zu. Er starb im Jahr 1911 und ist der Ururgroßvater von Delphine Boël, zu deren weiteren Vorfahren Raymond Charles de Sélys Longchamps (1880-1966) als Urgroßvater und Michel François de Sélys Longchamps (1910-1983) als Großvater gehören.

Walthère und Marc de Sélys Longchamps

Anlässlich des Todes von Edmond de Sélys Longchamps hatte der Vorstand der „Fauna“ seiner Familie schriftlich ihr Beileid ausgedrückt. Hierfür bedankte sich Walthère de Sélys Longchamps, der Erbe des wissenschaftlichen Nachlasses seines Vaters.

Walthère de Sélys Longchamps (1846-1912), der jüngste Sohn von Edmond de Sélys Longchamps, bewohnte die mütterliche Domäne, das Schloss von Halloy bei Ciney. Er war „docteur en droit“ und „docteur en sciences“. Seine Interessen galten aber eher der Politik als der Wissenschaft. Sein Sohn, Marc de Sélys Longchamps (1875-1963) dagegen, trat in die Fußstapfen seines Großvaters und wurde zu einem der führenden belgischen Zoologen seiner Epoche. Sein Spezialgebiet war die Meeresbiologie. Er wurde 1925 als korrespondierendes Mitglied in die „Académie royale de Belgique“ aufgenommen. Im Jahr 1929 wurde er wirkliches Mitglied der Akademie, die ihn 1936 zu ihrem „Secrétaire perpétuel“ machte, eine Funktion, die er bis 1948 innehatte.

Ein Ausflug nach Luxemburg

Marc de Sélys Longchamps war der Präsident des Lokalkomitees, das den 56. Kongress der „Association française pour l’avancement des sciences“, der vom 25. bis zum 30. Juli 1932 in Brüssel stattfand, organisiert hatte. Ihm war es auch zu verdanken, dass einer der vier Ausflüge, die nach dem Kongress stattfanden, in die belgischen Ardennen und ins Großherzogtum Luxemburg führte. Die etwa 80 Teilnehmer, unter ihnen auch Marc de Sélys Longchamps, trafen am 1. August 1932 im Großherzogtum ein. Als Erstes stand Vianden auf dem Programm, wo sie von Bürgermeister Ed. Wolff und von Prof. Edmond J. Klein, dem Präsidenten der wissenschaftlichen Sektion des Großherzoglichen Instituts, empfangen wurden. Letzterer diente den illustren Gästen dann auch im weiteren Verlauf des Tages als Cicerone. Nach dem Besuch der Burg Vianden und einem schnellen Mittagessen in Diekirch führte Klein die Besucher in die pittoreske Felsenlandschaft des Müllerthals und von dort über Larochette nach Luxemburg-Stadt. Dort wurden die Kongressisten im Stadthaus vom Staatsminister Joseph Bech und dem Schöffen Nicolas Margue, der den verhinderten Bürgermeister Gaston Diderich vertrat, begrüßt. Am folgenden Tag verließen die Gäste Luxemburg in Richtung Bouillon, um dann durch das Tal der Semois nach Dinant und von dort nach Namur zu gelangen. Edmond J. Klein wurde für seine Verdienste von der französischen Gesellschaft mit einer Medaille belohnt.


Soweit dieser etwas spezielle Exkurs in die Familiengeschichte einer belgischen Adelsfamilie, deren Name in letzter Zeit stärker ins Licht
der Öffentlichkeit gerückt ist. Die hierbei benutzten Quellen sind auf der Homepage des Verfassers unter www.massard.info zu finden